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Petra Öllingers virtuelle Wohnung


Al dente

© Petra Öllinger

Erschienen in „Macondo – die Lust am Lesen“, Literaturzeitschrift, Dezember 2003

Alle gesellig. Plaudernd. Scherzend. Lachend. Und die Kellnerin serviert die Vorspeise. Salat. Und alle gesellig. Plaudernd. Scherzend. Lachend. Ein Gläschen Wein. Ein Schluck Campari Soda oder Orangensaft. Und das Salatdressing tropft von manchem Kinn. Hin und wieder verirrt sich eines der Salatkräuter in den Zwischenraum der Vorderzähne des Gegenübers. Und die Kellnerin serviert die Hauptspeise. Spaghetti Bolognese. Al Dente die Nudeln. Die Sauce hinterläßt ihr Orange in den Mundwinkeln. Hellgelb der Parmesan, der, zuerst weiß pulverig, schließlich klebrig den Geschmack verstärkt.

Und dann in Ida plötzlich Erinnerungen. Losgetreten von einer Nudel. Nicht für den Bruchteil einer Sekunde, wie sie einen sonst trifft, sondern lange, viele Minuten hängt die Erinnerung an jedem Bissen, den sie in den Mund steckt. Die Erinnerung an das Ferienlager. Als sich schon vor der Abreise Heimweh in ihr breit machte. Idas Versuche, die Unbekümmertheit der anderen, deren Freude am gruppengezwungenen Streunen durch Wälder, am Teilnehmen bei gemeinschaftlichgedrängten Spielereien zu verstehen. Jedoch zwecklos. Und Ida, still und bekümmert und heimwehgeplagt, den Johlenden hinterhertrottend. Bemühen des Anpassens an Massenfröhlichkeit waren schon zu Beginn des Aufenthaltes fehlgeschlagen, zu verkrampft, sich in der Ungestümheit auszutoben. Auch die beste Freundin, zwar mitgekommen und von Ida als Schutzwall gegen die kindlichen Horden zuerst erlebt, verstand sehr schnell nicht mehr Idas Traurigkeit. Und das Heimweh, das Mitte der Woche schließlich den Höhepunkt erreichte, Ida keinen Bissen mehr hinunter bringen ließ. Als sie vor Scham mit gesenktem Blick bei Tisch saß, damit die anderen Kinder nicht sehen konnten, wie ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen. Die Tanten, die fragten, warum sie denn so still sei, und Ida ihr Unglück nicht in Worte fassen konnte, ihren Wunsch nach dem Alleinsein, nach dem Ida-Sein – ohne Rechfertigung. Sie konnte nicht antworten, hielt den Blick weiterhin gesenkt. Tapfer drehte sie die Gabel in dem übervollen Teller. Vereinzelt blieb hin und wieder eine Nudel, al dente und mit oranger Spaghettisauce gesprenkelt, zwischen den Zinken hängen. Nur keinen Ärger machen. Und Ida steckte die Gabel in den Mund. Seht her, ich bin doch gut bei Appetit.

Alle gesellig. Plaudernd. Scherzend. Lachend. Warum nur hat sie sich dazu entschieden, eine Reise in dieser Gruppe zu machen? In einer Feriengesellschaft, wo sie darauf achten muss, dass das Gelächter und die Ausgelassenheit der anderen nicht ihre Schale zerbrechen. Als könne sie hier die Antwort finden, haften ihre Augen auf dem Saum des grellweißen Tischtuches. Warum sie denn so still sei, fragt sie ihr Tischnachbar, habe sie etwa Kummer? Tapfer dreht Ida die Gabel in dem übervollen Teller. Vereinzelt bleibt eine Nudel, al dente mit oranger Spaghettisauce gesprenkelt, zwischen den Zinken hängen. Sie schüttelt den Kopf, steckt die Gabel in den Mund. Nein, kein Kummer, wieso auch, wo sie sich doch in so fröhlicher Gesellschaft befinde, könne er denn nicht sehen, wie gut sie bei Appetit sei? Und mit jedem Bissen türmen sich die Erinnerungen auf. An ihre Versuche, nicht mehr Ida zu sein, sondern gesellig. Plaudernd. Scherzend. Lachend. An ihr Festklammern an der ihr nicht innewohnenden Unbekümmertheit. Und Ida legt die Gabel zur Seite, wischt sich das Orange aus dem Mundwinkel, steht auf und entschuldigt sich, sie müsse sich frisch machen. Alle gesellig. Plaudernd. Scherzend. Lachend. Und die Kellnerin serviert die Nachspeise. Tira mi su. Ein Gläschen Grappa. Ein Schluck Espresso oder Cappuccino. Vereinzelt findet sich kakaobestreute Mascarpone-Crème auf urlaubsgemusterten Hosen oder Röcken. Alle gesellig. Plaudernd. Scherzend. Lachend.

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