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Petra Öllingers virtuelle Wohnung


Ausgewogen

© Petra Öllinger

Erschienen in „an.schläge – das feministische Magazin“, Februar 2005.

Jahresbeginn. Gute Vorsätze. Einmal mehr der Versuch, unsere inneren Schweinewuffis zu überlisten. Wenn ich diversen Meinungsumfragen glauben sollte (was selten der Fall ist, aber dieses Mal glaube ich sie doch, weil sich die Aussagen mit jenen vieler meiner FreundInnen decken), dann müssten die ÖsterreicherInnen 2005 zu einer der gesündesten Nationen hochlaufen: Mehr Sport, gesündere Ernährung, Ende des Qualmstängels.

Mit guten Vorsätzen plage ich mich nicht (mehr). Viel lieber küren ich und meine Schweinewuffis zum Jahresende genüsslich unsere persönlichen DVIGWOKHs (Die Vermittlung Inflationär Gebrauchter Wörter Ohne Kritische Hintergedanken). 2004 zählten unter anderem dazu: Anti-Aging, Wellness, Gesundheitsprävention und ausgewogen. Mal ehrlich: Welche träumt nicht davon, fit und faltenfrei jenseits der Hundert-Jahre-
Grenze in die Grube zu springen? Diesen Wunsch kann sich jede einfach erfüllen.

A) ausgewogen futtern: strenge Vorschriften befolgen, am besten nicht auf sich selbst hören, sondern Ernährungsgurus fragen, die wahlweise Kohlenhydrate oder Fette oder Proteine oder alles zusammen verbieten. B) ausgewogen bewegen, jedoch nicht den Wohnungsputz, das morgendliche Kinder-in-den-Kindergarten-Bringen oder das Schleppen voll beladener Einkaufssackerl mit gestylten Auftritten im Fitnesscenter verwechseln. C) ausgewogen schön bleiben: Hormone, Chemiecocktails auf die Haut, ins Haar, in den Bauch. Bei welcher sich mit 25 Lachfalten um die Augen oder – ob dieser und anderer Wahnsinnigkeiten – Zornesfurchen auf der Stirne zeigen, die muss sich halt den Vorwurf gröbster Vernachlässigung und Unverantwortlichkeit gefallen lassen. Und bitte keine Ausreden von wegen nicht gewusst, zu teuer, zu zeitintensiv.

Bei allem Sarkasmus, die Verantwortung für die eigene Gesundheit selbst zu übernehmen, ist grundsätzlich zu begrüßen. Und langfristig betrachtet ist Prävention weniger kostenintensiv (vor allem für die KRANKENkasse) als langwierige „Reparaturen“ in Form von teuren Medikamenten, langen Spitalsaufenthalten, Rehabilitationen, Therapien. Darum die logische Schlussfolgerung: Am besten die Kassenbudgets für Prävention sukzessive kürzen oder Zuschüsse für Heilmittelbehelfe streichen oder … Auffallend ist überhaupt, dass beim Stichwort Gesundheitsreform Einsparungspotentiale im Zentrum stehen.

Aber zurück zur persönlichen Verantwortung. Eigenvorsorge setzt bestimmte Kenntnisse voraus, zum Beispiel um gesundheitliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Die – im übrigen nicht neue – Tatsache, dass Frauen anders krank sind als Männer, sickert, wenn auch zögerlich, sowohl in das Bewusstsein von Beschäftigten im Gesundheitsbereich als auch in jenes der Betroffenen. Ein Beispiel aus dem Bereich der Herzerkrankungen: Die unterschiedliche Symptomatik ergibt sich nicht nur daraus, dass Frauen ihre „Beschwerden“ anders formulieren als Männer, sondern manifestiert sich auch in körperlichen Differenzen. Anzeichen bei Frauen sind unter anderem Wirbelsäulenschmerzen, lang anhaltende Atemnot, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Brustkorbenge, die zeitweise in den linken Arm oder in den Magen ausstrahlen – Symptome die auf den ersten Blick nicht unbedingt eine Herzerkrankung vermuten lassen. Männer nennen da „handfestere“ Beschwerden wie plötzliches Auftreten von Herzjagen oder Brustkorbbeschwerden mit Benommenheit. Zweifellos, frau braucht Selbstbewusstsein und -vertrauen, damit ihre persönlichen Befindlichkeiten ernst genommen werden, auch und vor allem wenn diese sich von medizinischen Lehrbüchern unterscheiden.

Eigenvorsorge setzt aber auch finanzielle Leistbarkeit voraus, und zwar schon bei alltäglichen Dingen wie gesunden Lebensmitteln. Ein Einkauf im Bio-Handel ist für DurchschnittsverdienerInnen Luxus. Ein Schwenk vom Einkaufswagen in „höhere“ Sphären – zum Gehaltszettel: Sozialversicherungsbeiträge wirken mit zunehmendem Einkommen über der Bemessungsgrundlage regressiv, je höher der Verdienst desto geringer fällt in Relation dazu deren Anteil aus. Der Blick auf die Einkommenssituation von Frauen zeigt somit deutlich, wie komplex Fragen der Gesundheit auch mit beruflichen Umständen verwoben sind. Die immer wieder von Wirtschaftsseite geforderte Senkung der Lohnnebenkosten tut ihr übriges, um BrötchengeberInnen zunehmend aus ihrer sozialen Verantwortung zu entlassen. Eine der Folgen: sinkende ArbeitgeberInnenbeiträge für Sozialversicherungen – „ausgewogene“ Belastungen für Schlechtverdienende …

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