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Herzlich Willkommen
in Petra Öllingers virtueller Wohnung


Der Heiland

© Petra Öllinger

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlug ich mit Fragen tot. Ich wollte so viele Antworten. Wann kommt der Weihnachtsmann? Wie lange muß ich alleine hier bleiben? Warum darf ich nicht mit Autos spielen? Warum sind meine guten Noten nicht gut genug? Warum ist es wichtig, was die anderen von mir denken? Wie ein Wirbelwind fegte ich durch die Gelassenheit der Großen. Sei nicht immer so neugierig. Kannst du nicht warten? Habe Geduld, bis du größer bist, dann wirst du schon alles verstehen. Sprich nur, wenn man dich fragt. So oder ähnlich waren die Sätze der Erwachsenen. Sie verwirrten und ängstigten mich, machten mich wütend. Ich wartete auf die Frage: Was möchtest du? Sie kam nie. Keiner war daran interessiert, was mich bewegte. Brachte ich meine Verwunderung darüber zum Ausdruck, wurde ich belächelt. Warte nur, bis du wirklich Sorgen hast, wenn der Ernst des Lebens beginnt.

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlug ich mit Grübeleien tot. Und ich wartete bis ich größer wurde. Ich wartete auf die wirklichen Sorgen und den Ernst des Lebens und darauf, alles zu verstehen. Vergeblich. Ich gab mir Mühe, ehrlich. Ich hoffte auf Antworten aus den Büchern, hinter denen ich mich stundenlang verkroch und wunderte mich weiterhin, warum es an mir immer etwas auszusetzen gab. Die Fragen wurden mit den Jahren nicht weniger, sie wurden anders. Findest du mich hübsch? Warum darf ich mich nicht wehren? Warum lacht ihr über mich? Ich wollte doch nur wissen, warum ich selbst nicht genug war. Was war so falsch an mir? Was hast du für sonderbare Einfälle? Mußt du immer in deinem Zimmer sitzen und sinnloses Zeug kritzeln? Schau dich an, wie du aussiehst. Was trägst du immer für scheußliche Kleidung? Du watschelst wie ein Ente. So bekommst du nie einen Freund. Manchmal konnte ich sie beobachten, wenn sie den Kopf schüttelten und meinten: Das Mädchen ist schon eigenartig. Wir hoffen, das gibt sich mit der Zeit. Ich hoffte es auch, blieb aufmerksam und hellhörig, um nicht den Zeitpunkt zu versäumen, an dem ich nicht mehr merkwürdig sein würde.

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlug ich mit Selbstbeschauungen tot. Wenn ich mich für den Bruchteil einer Sekunde im Spiegel betrachtete, verabscheute ich dieses Bild. Ich war neidisch auf die Freundinnen, weil sie eingeladen wurden zu Festen, weil sie Verabredungen mit Männern hatten, denen ich ebenfalls nachschielte. Ich beobachtete die Körper der Frauen, die begehrt wurden. Sie waren größer als ich. Sie waren schlanker als ich. Sie trugen sexy Kleider, kurze Röcke, enge Jeans, die ihren knackigen Po betonten. Ich hingegen war klein, dick und hüllte mich in Stoffsäcke. Sei doch ein bißchen geduldiger mit deinem Körper, schließlich hast du dir dein Fett auch nicht von einem Tag zum anderen raufgefressen. Sieben Kilo weniger, dann werde auch ich begehrenswert sein. Torten, Schokolade, Kuchen, Genuß, Lust, ich lechzte nach der Würze des Lebens. Nein, nein, halt dich zurück! Finger weg vom Kühlschrank! Ich wartete auf den Erretter, den Heiland.

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlug ich mit Kalorienzählen tot. Mit Bangen hoffte ich darauf, daß die Waage weniger Gewicht anzeigte, blätterte in Frauenzeitschriften, um mir Ratschläge zu holen, wie ich einen Mann ködern könnte. Meine Unzufriedenheit wurde immer größer. Niemals, und hätte ich alle Zeit der Welt, würde ich nur annähernd so aussehen wie diese Modells. Ich wollte ebenfalls einen Hochglanzbildkörper. Ich nahm zehn Kilo ab, die Männer drehten sich nicht einmal nach mir um. Ich haßte sie, weil sie mich keines Blickes würdigten. Ich haßte die Frauen, deren Körper die Männer lechzend anstarrten. Ich haßte mich, weil ich nicht gut genug war. Wie schon so oft zuvor. Rasende Tobsuchtsanfälle gefolgt von nächtelangem Heulen. Daran änderten auch die Worte der netten Dame aus dem Kosmetiksalon nichts, die meinte: Haben Sie ein bißchen Geduld. Ihre Haut wird zart und rosig sein, die Verehrer werden Ihnen zu Füßen liegen. Meine Pickel hatten es aber überhaupt nicht eilig, aus meinem Gesicht zu verschwinden, und die Männer lagen alle anderswo, zu meinen Füßen jedenfalls nicht. Ich verbrachte Stunden vor dem Spiegel mit der Korrektur meines Gesichtes, verkleisterte Falten, die sich angeblich auch schon bei Mitte-Zwanzigjährigen bemerkbar machten und beschleunigte dadurch nur den Verschleiß meiner Haut.

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlug ich mit Selbstvorwürfen tot. Häßlich war ich. Ja, ich hatte endlich eingesehen, daß ich keinen Wert habe auf dem Schönheitsmarkt. Also bemühte ich mich, besonders gut zu arbeiten, besser zu sein als alle anderen. Ich wartete darauf, gelobt zu werden für meine hohe Einsatzfähigkeit, meine Leistungen. Statt meine eigenen Ideen zu Papier zu bringen, hörte ich geduldig stundenlang den dummen Reden anderer zu, erfüllte Wünsche und Befehle von Kollegen und Vorgesetzten, lächelte gefällig, obwohl es mir tagtäglich den Magen dabei umdrehte. Die Anerkennung kam nie, doch ich machte mir nicht viel daraus. Stellte diese Tätigkeit denn nicht nur einen Übergang in eine bessere Existenz dar? Ich befand mich in einem Wartezimmer und wollte in den Prunksaal der trauten Zweisamkeit eingelassen werden. Ausharren lautete meine Devise, ich wollte Befriedigung und bemerkte nicht, daß ich meine Lebensgier doch nur selbst stillen konnte.

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlug ich mit sehnsuchtsvollem Hoffen tot. Dann trat er in mein Leben. Mein Märchenprinz, mein Erretter, mein Heiland. Er legte seine Hände in meinen Schoß. Alles war voll Ungeduld in mir. Ich riß ihn an mich, jedes Wort der Liebkosung stopfte ich hastig in mich, um es nie mehr zu verlieren. Wir stürzten uns in die Lust und ertranken darin. Tick. Tick. Tick. Tick. Warum bist du so schnell? fragte er mich und hechelte den Wonnen unserer Körper hinterher. Diese Höhepunkte wollte ich auskosten, noch einen, noch einen und noch einen, hatte keine Zeit mehr zu verlieren, endlos sollten diese Momente sein. Nie genug bekommen konnte ich von dem lang ersehnten Gefühl des Erfülltseins. Ich war angekommen am Beziehungsziel. Kein Bangen mehr, daß ich einsam und verlassen enden werde. Die Gefahr, als alte Jungfer zu enden, war gebannt für kurze Zeit. Mein Körper wurde begehrt, genügte für eine kurze Weile den Ansprüchen eines Mannes. Meine Wünsche schienen sich zu erfüllen. Vorerst. Nach und nach tauchten Zweifel auf, ob das schon alles gewesen sein konnte. Vielleicht würde es noch aufregender werden? Habe etwas Geduld und Nachsicht mit ihm. Mußt du immer deinen Willen durchsetzen? Mußt du immer alles und das auch noch sofort haben wollen? Die Zeit schlugen wir gemeinsam tot. Zu schnell ist mir mein Heiland entglitten. Er quälte mich. Wo warst du so lange? Warum kommst du immer zu spät? Mit wem verbringst du deine Zeit, wenn du weg bist? Bevor ich endgültig erstickte in der Tristesse, spürte ich wieder kurz ein Feuer in mir auflodern. Meine Gedanken konnte ich nicht mehr in meinem Kopf einsperren. Die Lebensfreude lugte aus meinen Augen hervor, verschwand aber gleich wieder, als mich der erste Hieb ins Gesicht traf. Körperlich konnte ich es mit ihm nicht aufnehmen. Habe Geduld mit ihm. Warte nur, er wird aufhören. Vielleicht solltet ihr ein Kind bekommen. Ich harrte aus und war zuversichtlich, daß neun Monate auszuhalten wären. Ein Kind würde ihn zum Beenden seiner Grausamkeiten bewegen. Das Hoffen war nach sechzehn Wochen vorbei. Dieses Mal wurde nicht die Zeit totgeschlagen, sondern beinahe ich. Noch ehe ich seiner Gewalt völlig erlag, kam rechtzeitig der entscheidende Moment, in dem ich ausholte, mit Worten zurückschlug, mich mit Taten wehrte. Mein Heiland hätte mir beinahe den Todesstoß versetzt. Meinen Körper, niemals vorher und nie mehr nachher in Ordnung, hatte er noch mehr verunstaltet. Habe etwas Geduld. Die Zeit heilt alle Wunden, trösteten sie mich, der Richtige wird schon kommen. Hatte ich meine Lektion noch immer nicht gelernt? Ich alleine galt nichts, wurde für null und nichtig erklärt.

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlug ich mit der Angst vor dem Älterwerden tot. Die Zeiger meiner biologischen Uhr rückten weiter vor. Männer können noch mit siebzig Jahren Nachwuchs zeugen. Ich hingegen hatte nicht unbegrenzt Zeit. Mein Körper wird beginnen zu vertrocknen, zu verrunzeln, schlecht zu werden, weil er sich seinem Ablaufdatum näherte. Frauen, die noch mit Vierzig ein Baby bekommen, werden oft argwöhnisch betrachtet. Man schürt ihr schlechtes Gewissen, weil man sie verantwortlich macht für Erbkrankheiten, entstanden durch alte verdorbene Zellen. Andere Frauen in deinem Alter haben schon eine eigene Familie. Worauf wartest du eigentlich noch? Wie lange willst du denn noch alleine bleiben? Wenn ich eine richtige Frau werden wollte, eine, die ihre Mutterpflichten erfüllt und ihrem Ehemann treu ist bis in alle Ewigkeiten, dann sollte ich mich beeilen. Ich mußte mich also noch vor dem Ende meiner Fruchtbarkeit abfüllen lassen. Von wem war mir inzwischen egal. Die Zeit lief mir davon, immer schneller wurde mein Rhythmus. Einmal im Monat erwartete ich geduldig den Moment, an dem ich erfahren sollte, ob ich meinen Lebenssinn empfangen hatte. Ich werde dich ewig lieben! Nach langen Nächten, die ebenso einsam waren, wie der Morgen danach, malte ich mir Bilder aus von einem Leben mit Kind und Hund und Haus und Mann. Die Gedanken daran behagten mir nicht. Aber welchen Daseinszweck hatte ich denn? Meine Kreativität, meine Leistungen, meine innerer Reichtum genügten nicht, sie machten mich nicht be- gehrenswert, sie machten mich nicht ausreichend schön, sie verliehen mir keine Existenzberechtigung. Was bedeutete es schon, Bescheid zu wissen über die Quantenphysik oder über die Werke William Shakespeares? Was machen Sie? Sie schreiben? Ihre Zeit möchte ich haben. Mit meinem Kopf bewegte ich mich perfekt auf dem Parkett der Kommunikation, im Reich des Intellekts. Im Paarungsverhalten war ich die absolute Versagerin, der Bauerntrampel im Porzellanladen. Wie sollte ich bestehen können im gegenseitigen erotischen Beglücken? Wie könnte ich das alles ändern? Wie viele Gelegenheiten sollte ich mir noch entgehen lassen? Wollte ich noch zarten Augenblicken hinterhereilen? Wollte ich das überhaupt jemals? Der Weg wurde mir zu mühsam, zu lange war ich auf der Suche. Mein Durchhaltevermögen reichte nicht mehr aus, um an oberflächlichen Gesprächen teilzunehmen, keine Minute zuviel wollte ich aufbringen für inhaltloses Geschwätz. Der Blick auf meine Biologie mahnte mich jedoch.

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlug ich mit Köderauslegen tot. Ich stürzte mich von einem one-night-stand in den nächsten, immer auf einen Märchenprinzen hoffend, der mich aus dem Dornröschen-Schlaf wachküssen würde. Dornröschen; wie lange hattest Du geschlafen? Wie lange dämmerte ich bereits vor mich hin? War ich überhaupt jemals wach gewesen? Warum kannst du nicht einmal in deinem Leben etwas mehr Geduld haben mit einem Mann? Warum verhältst du dich wie ein Ungeheuer? Wenn du dich so benimmst, bleibt dir wohl nie einer erhalten.” “Kannst du denn nicht etwas geringere Ansprüche stellen und deine Meinung für dich behalten? Endloses Gerede tropfte in mich.

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlug ich mit Stillsein tot. Ich bemühte mich, ehrlich. Aber es wollte mir nicht gelingen. Ich konnte meinen Mund nicht halten, wenn Männer glaubten, mich zum Freiwild erklären zu müssen. Wenn sie im betrunkenen Zustand allen kläglichen Rest an Mut zusammennahmen und mir auf den Po griffen. Ich wurde zur Furie, wenn sie jedesmal ihre Schwänze feige einzogen, nachdem sie ihren Spaß gehabt hatten und mich zurückließen. Ich tobte und schrie ohne Ende, wenn sie ihre Standardsätze immer und immer wieder herunterleierten: Ich weiß nicht, was ich will. Es tut mir leid. Du mußt mir noch etwas Zeit geben. Ich hatte aber nicht mehr viel davon übrig. Die Sehnsucht konnte ich nicht stillen mit denen, die meine Hand losließen, wenn ich ihnen zu anstrengend wurde, wenn sie die Ausdauer verloren. Ich wurde mir selbst zu Last. Wo sollte ich Ruhe finden? Langsam, ganz langsam schloß sich die Dunkelheit um mich und ich wartete auf die Wirkung des Giftes, darauf, endlich frei zu sein. Beinahe hätte ich es geschafft. Noch sollte ich aber nicht fliehen dürfen. Sie holten mich zurück, mit Übelkeit und Schmerzen in der Magengrube, weil sie mir alles aus meinen Eingeweiden holten.

Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit schlugen die anderen tot; mit gutem Zureden, Hoffen und Bangen. Nun warteten sie. Sie hatten sich in Geduld zu üben. Du mußt wieder auf die Beine kommen. Du solltest dir das alles nicht so zu Herzen nehmen. Andere Leute haben auch Kummer. Warum hast du uns das angetan? Warum bist du auch immer so ungeduldig. Zuerst war ich wütend wegen ihrer Anmaßung, sich unendlich verantwortlich für mein Leben zu fühlen. Dann begannen sie mich zu langweilen, ich hörte ihnen nie wieder zu. Die Zeit nutzte ich zu einem Arrangement und zwar mit mir selbst. Mir wurde bewußt, daß ich noch immer bei mir war. Ich hatte mich nie verlassen, war mir seit Beginn meines Lebens selbst genug, war immer da für mich. Ja, ich schmiedete einen Plan. Worauf wartete ich noch? Ich nahm meine Ungeduld zusammen und brüllte, daß alle Uhren wackelten: Packt euren Krempel, schnell! Verschwindet aus mir! Hinaus! Hinaus aus meinem Leben, jetzt, sofort! Alle, ihr meine Märchenprinzen, meine Erretter, die ihr mein Heiland sein solltet. Alle, die mich quälen mit Diätvorschlägen und Schönheitsidealen, mit Schlägen, mit Predigten über Geduld. Alle, die mich ruhigstellen mit Versprechungen, die sie nie einlösen, mit falschen Liebesschwüren. Alle, die mir vorwerfen, daß andere viel schlimmer dran sind. Raus aus mir, aus meinem Kopf, aus meinem Bauch, aus allen meinen Fasern! Meine Kraft, mein Wissen, meine Energie, meine Gedanken, ihr, die ihr immer schon auf euren richtigen Zeitpunkt gewartet habt, ich lasse euch frei. Frei! Frei! Tick. Tack. Tick. Ta… Getroffen! Ich hatte die Kurve gekratzt – in letzter Minute.