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Petra Öllingers virtuelle Wohnung


Erste Klasse

© Petra Öllinger

Erschienen in „Reisen im Damenabteil. Frauen erzählen.“ Herausgegeben vom Autonomen Frauenzentrum, Linz 2009.

Bahnsteig 6. Ich warte auf den IC nach Wien. Ich bin früh. Wie immer. Ich habe Angst, ich könnte es nicht rechtzeitig schaffen. Ich fürchte, daß etwas dazwischenkommt; ein Stau, ein Unfall, eine Baustelle, ein Motorschaden. Das dauert. Das kostet Zeit. Der Taxifahrer kennt den Weg zum Bahnhof nicht oder nimmt einen Umweg. Oder ein Überfall. Ich werde im Taxi sitzend, an einer roten Ampel wartend, ausgeraubt. Das dauert. Das kostet Zeit. Ich kaufe mir auch keine Zeitungen, Zigaretten oder Kaugummi bevor ich abfahre. Wer weiß, die Kassa ist genau im Moment des Zahlens defekt. Die Verkäuferin kann mir nicht herausgeben, sie muß wechseln gehen. Das dauert. Das kostet Zeit. Ich löse den Fahrschein nie bei einem Automaten. Der verschluckt meine Scheine und Münzen, gibt kein Wechselgeld zurück. Ich muß reklamieren. Das dauert. Das kostet Zeit. Ich ertrage es nicht, mitten in der Schlange am Fahrkartenschalter zu stehen, und vor mir füllt einer plötzlich das Antragsformular für die Vorteilskarte aus oder die Bankomatkarte funktioniert nicht. Das dauert. Das kostet Zeit. Bis das Problem gelöst werden kann, ist mein Zug vielleicht abgefahren. Die Fahrkarte besorge ich immer am Vortag – egal wohin ich fahre. Gleich nachdem der Bahnhof seinen morgendlichen Betrieb aufgenommen hat, eile ich an den Schalter. Ich muß nicht warten.

Eine Lautsprecherdurchsage. Der Wind aus Südost trägt sie genau in die Gegenrichtung. Ich kann nicht verstehen, was die Stimme aus dem Lautsprecher nuschelt. Panik. Irgendetwas von Bahnsteig 7? Ja, 7. Ich stehe am Bahnsteig 6. Ich warte auf den IC nach Wien. Aber kann ich mir sicher sein, daß die Rede von 7 war? Einige Menschen auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig nehmen ihre Taschen und gehen weg. Ist das der Bahnsteig 6?, frage ich einen Bahnbediensteten mit gelbem Helm und gelbem Arbeitsanzug. Er nickt. Trotzdem; ich bin verunsichert. Ich frage sonst nie Männer in Gelb. Gelb ist mir suspekt. Bin ich hier richtig? Wen kann ich noch fragen? Ich bin die einzige Person hier am Bahnsteig, obwohl es bereits 20 Minuten vor Abfahrt sind. Hat das etwas zu bedeuten? Warten da sonst nicht mehr Leute? Wissen die vielleicht, daß heute der Zug nach Wien woanders abfährt? Ich kann doch nicht in die Bahnhofshalle zurück, zum Info-Schalter. In dem Linzer Bahnhof-Baustellenchaos kann ich lange suchen, bis ich den gefunden habe. Das dauert. Das kostet Zeit. Ich warte. Ich schaue auf die elektronische Anzeigentafel; der Zug ist angekündigt. Der IC nach Wien.

Vorsicht, Bahnsteig 1b! Zug fährt durch!. Die Stimme von Chris Lohner haucht herüber zum Bahnsteig 6. Warum kann ich sie verstehen, nicht aber die vorhergehende Durchsage des Bahnbeamten? Schon donnert der Güterzug vorbei. Das Rattern ist so laut, daß ich nichts hören kann. Was ist aber, wenn nun eine Durchsage kommt, daß der IC nach Wien heute von einem anderen Bahnsteig abfährt?

Bahnsteig 6. Ich warte auf den IC nach Wien. Ich trinke nie etwas vor dem Zugfahren. Dann muß ich vorher noch aufs Bahnhofsklo. Das Türschloß klemmt, ich kann nicht mehr aus der Toilette, bis mich jemand befreit hat, ist mein Zug weg. Ich durchsuche nochmals meine Geldbörse nach der Fahrkarte. Ich darf sie auf keinen Fall verlieren. Dann muß ich mich beim Schalter anstellen, so kurz vor der Abfahrt. Das dauert. Das kostet Zeit. Dann ist es eventuell zu spät. Das Risiko darf ich nicht eingehen. Meine Fahrkarte ist da. Und meine Vorteilskarte? Ich werde nervös. Jemand hat sie mir gestohlen. Oder habe ich sie verloren? Dann muß ich im Zug einen Aufpreis zahlen! Ich sehe in das hintere Fach meiner Geldbörse, da ist sie. 15 Minuten vor Abfahrt. Endlich stehen einige Menschen auf dem Bahnsteig 6. Ich bin richtig. Oder? Ich sehe nochmals auf die Anzeigentafel. IC nach Wien. Aber wenn jemand nun vergessen hat die Anzeige zu ändern? Ich frage eine Frau im hellgrauen Kostüm, ob hier der IC nach Wien abfährt. Hellgrau ist gut, ist zuverlässig. Sie nickt.

Ich gehe den Bahnsteig hinunter, zum Wagenstandsanzeiger. Laut diesem Plan befinden sich die Wagen erster Klasse an der Zugspitze. Dann kommt das Zugrestaurant, dann die Wagen zweiter Klasse. Großraum oder Sechser-Abteil? Ich mag die Sechser-Abteile nicht. Ich will einen Sitzplatz in einem der Großraumwagen. Die gesamte zweite Klasse des aufgezeichneten Zuges findet sich am Plan unter dem Buchstaben C. Ich gehe bis zu jener Stelle, wo über mir eine blaue Tafel mit einem weißen C hängt. Ich gehe nicht zu langsam, denn es sind doch einige Meter, die vor mir liegen. Das dauert. Das kostet Zeit. Der Zug könnte, noch bevor ich bei der richtigen Stelle angelangt bin, einfahren. Er würde so halten, dass ich den Einstieg zum Zugrestaurant oder noch schlimmer – zum Paketwagen – vor meiner Nase habe. Zum Einstieg in die zweite Klasse laufen oder sich im Inneren des Zuges durchquetschen? Das dauert. Das kostet Zeit. Ich platziere mich genau unter dem C. Strategisch gut gewählt. Ich habe potentielle Chancen, meinen Lieblingsplatz zu ergattern. Ich darf keine Zeit verlieren. Die Mitreisenden sind oft erstaunlich schnell beim Besetzen privilegierter Plätze. Ich will auch so einen – einen Einzelsitzplatz! Im Großraumwagen. Neben der Türe, da kann ich alleine sitzen, und ich werde nicht von Mitfahrenden belästigt.

Vorsicht Bahnsteig 6. IC 643, Wiener Philharmoniker, von Salzburg nach Wien-Westbahnhof… Den Rest höre ich nicht mehr. Ich warte ungeduldig unter dem C. Schließlich fährt der Zug ein. Ich stehe doch an der richtigen Stelle, oder? Unter dem C, da wo die Waggons der zweiten Klasse zum Stehen kommen. Aber was ist das?! Der Zug bleibt stehen, und vor mir ist nicht die Türe zu den Abteilen der zweiten, sondern zu jenen der ersten Klasse. Ich bin überrascht. Ich bin erschüttert. Ich bin irritiert. Stand auf dem Plan nicht eindeutig etwas von C und zweiter Klasse? Ich bewege mich nicht. Wenn ich da einsteige, in die erste Klasse, reicht die Zeit sicher nicht aus, um im Zug nach vor zu gehen, damit ich meinen Lieblingsplatz erreiche. Das dauert. Das kostet Zeit. Ich bin panisch, ich habe Angst. Das geht sich nicht aus! Ich bekomme überhaupt keinen Platz!

Vorsicht Bahnsteig 6. Zug fährt ab.

Jemand rüttelt mich sanft an der Schulter. Ihre Fahrkarte bitte. Der Schaffner steht in meinem Abteil. Verschlafen krame ich die Fahrkarte aus meiner Brieftasche heraus. Ich bin noch ganz irritiert von diesem Traum. Sie müssen in Wien zum Südbahnhof fahren, erklärt er mir freundlich. Ich nicke, ja ich weiß. Er schließt die Türe des Sechser-Abteils, das ich heute für mich alleine habe. Dieser Traum von dem Großraumwaggon spukt mir noch immer im Kopf herum. Warum eigentlich einen Einzelsitzplatz? Den kann ich

überhaupt nicht leiden. Und dieses hysterische Getue von wegen zu spät kommen. Ich muß lachen. Idiotisch.

Am Südbahnhof angekommen, suche ich auf der elektronischen Fahrplananzeige den Zug.

Bahnsteig 11. Ich warte auf den R11 der Pottendorfer Linie nach Wampersdorf. Ich bin früh. Vorsichtshalber …

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