Zum Seiteninhalt Zur Navigation Interne Suche

Petra Öllingers virtuelle Wohnung


Fromme Wünsche – Eine weihnachtliche Kurzgeschichte

© Petra Öllinger

Erschienen in „an.schläge – das feministische Magazin“, Wien Dezember/Jänner 2003.

Liebes Christkind, bitte schenke meinen Freundinnen und mir dieses Jahr zu Weihnachten: Ein paar Nein-SagerInnen. Einen Feind, dem wir unsere Waage schenken können. Einen Gutschein für einen Anti-Cellulite-Kurs. Mehr Liebe zum Hängebusen. Eine riesige Portion des Satzes ‚Ich will das nicht!‘. Fünf Packungen ‚Mach dir deinen Kram doch selber‘. Mindestes zwanzig Stück große warme Baumwollunterhosen (du weißt ja, die Stringtangas kneifen immer). Den Mut, für unsere Leistungen höhere Löhne zu fordern. Das Ende unserer Harmoniesucht. Einen Stapel von Putzfetzen, die an den Händen von Männern kleben bleiben (vielleicht die rosa-gepunkteten aus der Drogerie?). Einen Scheiterhaufen für Modezeitschriften. Zwei, drei Tritte in den Hintern unserer Liebsten.

Deine Laura.

PS: Kannst du es bitte einrichten, dass wir wieder ein Frauenministerium bekommen?

Ich glaube natürlich NICHT an das Christkind. Aber Weihnachten naht und ich befürchte, dass mich meine Mitmenschen wieder zumüllen werden mit ihrem Sei doch nicht immer so kritisch oder Du findest immer was zum Nörgeln. Sei lieb. Bald kommt Weihnachten. In der Adventzeit leiden alle an Hypersensibilität. Ansonsten kritische und vernunftbegabte Menschen igeln sich ein in eine Leise rieselt der Schnee-Mentalität und frönen der Harmoniesucht. Ich komme sicher nicht in die Versuchung, lieb zu sein. Heuer nicht! Das habe ich mir fest vorgenommen. Und ich habe bereits angefangen, meinen Vorsatz Keine Gnade für Unzumutbarkeiten! umzusetzen.

Gestern zum Beispiel blätterte ich bei Lisa in einem ihrer 50.000 Mode- und Lifstylemagazine, die sie abonniert hat. Fun, love and sex, hip and trendy – bis zum Abwinken. Im ersten Viertel Superkasper-Models mit Kleidungsunmöglichkeiten. Im zweiten Viertel Tipps für mehr Selbstbewusstsein. Im dritten Viertel Abspeckmöglichkeiten, damit frau das neuerworbene Selbstbewusstsein gleich mal aushungern darf. Zuletzt dann noch die Anleitungen zu Themen wie So angeln Sie sich einen Mann oder „Machen Sie einen Typen heiß.

Als ich nachhause gehen wollte, hatte ich einen Stapel von diesen Print-Schwachsinnigkeiten unter meinen Arm geklemmt und antwortete auf Lisas Frage, was ich damit wolle, mit einem kurzen Ab in den Altpapiercontainer!. Worauf sie mir wutentbrannt die Hefte entriss. Den Schrott braucht keine Frau, versuchte ich zu erklären, Bist du denn schon einmal mit einem Webpelz um den Nabel gewickelt in der Sonne gelegen? Dabei tippte ich auf einen Hochglanz-Spezial-Mode-Tipp für den Sommer 2003. Das ist mir egal! Immer musst du kurz vor Weihnachten herummeckern und alles schlecht machen, schnappte Lisa zurück, schob mich bei der Wohnung hinaus und schlug die Türe zu. Feindin Nummer eins.

Die nächste war Sabine. Sie leierte mir am Telefon die Ohren voll, dass sie schon wieder zugenommen habe. Zwanzig oder dreißig Gramm? fragte ich und erntete dafür Vorwürfe vorweihnachtlicher Unsensibilität. Wo war ihr Humor geblieben? Erfroren? Als ich heute Morgen die Bitte meines Kollegen Max abschlug, für ihn einen Text in die Tasten zu hauen, hatte ich Feind Nummer drei am Hals. Er wetzt schon die Messer. Vielleicht hätte ich ihm den Satz Mach deinen Kram doch selber! nicht so rüde an den Kopf werfen sollen – noch dazu ohne entschuldigende Erklärung meinerseits. Hatte er etwa mit vorweihnachtlicher Milde und punschgetränkter Demut gerechnet?
Ein weiterer schlimmer Vorfall ereignete sich heute Nachmittag in der Gemeinschaftsküche. Su erzählte kichernd von einem geplanten Date mit einem super-sexy Mann und sie sei schon so aufgeregt und überlege die ganze Zeit was sie darunter anziehen soll. Ich habe da schon an einen schwarzen String-Tanga gedacht… Ja, ich weiß, ich hätte nicht fragen sollen, ob sie sich wirklich wohl fühle, wenn’s im Popo zwickt und ob es dieser Typ wirklich wert sei, sich eine Blasenentzündung zu holen. Su knallte den Weihnachtspappteller mit den Lebkuchen auf den Tisch und verließ wutentbrannt die Küche. Wahrscheinlich wetzt sie jetzt gemeinsam mit Max die Messer. Ich glaube natürlich NICHT ans Christkind. Aber vielleicht erhört jemand meine Bitten.

PPS: Bitte mach, dass ich das vorweihnachtliche Nicht-lieb-sein-Wollen durchhalte.

Sie haben eine Frage oder Anregung? E-Mail an Petra Öllinger
Ich freue mich auf Ihre Empfehlung!   Facebook Twitter Google+
Druckvorschau Druckvorschau