Herzlich Willkommen
in Petra Öllingers virtueller Wohnung
Lust, aber Dalli-Dalli
oder Welches Schweinderl hätten’s denn gern?
© Petra Öllinger
Ein ziemlich billiger Laden. Da pferchen sie uns in diese Abstellkammer, wo man sich nicht einmal umdrehen kann. Die Maske läßt auch sehr zu wünschen übrig. Die zwei weiblichen Film- und Musical Superstars, Mary Rosenbein und Susi Rinaldo, sitzen in der Garderobe des Privatsenders, warten auf ihren Auftritt in der Promi-Super-Rate-Show.
Mary Rosenbein nähert sich dem Spiegel, versucht mit den beiden Zeigefingern einen großen fetten Mitesser auf ihrer rechten Wange auszudrücken, den auch das Studio Make-up nicht verbergen kann. Eine dicke gelbe Wurst mit schwarzem Punkt bleibt auf einem Finger kleben. Au! Igitt, ich hasse diese Drückerei. Sie wissen doch, daß wir so tun müssen, als fielen uns die Ideen zu den vorgegebenen Begriffen spontan ein? Glauben Sie, daß das Publikum checkt, was da eigentlich läuft? Weiß nicht, brummt Rosenbein, sie ist noch mit dem roten Fleck beschäftigt, der sich nach dem Herumdoktoren auf der Haut zeigt. Diese Show ist ein Abklatsch aus Rosenthal und Lembke. Können Sie sich noch daran erinnern? Der eine hüpfte nach jeder Wortrunde in die Luft und rief wie verrückt etwas von spitze, der andere drangsalierte einen schon zu Beginn mit der Frage, welches Schweinderl man denn gerne hätte. Wie lautet denn nun das Stichwort, zu dem wir uns spontan, Susi Rinaldo lacht gequält auf, spontan etwas einfallen lassen sollen?” “Hat man Ihnen denn nichts mitgeteilt?” “Doch schon, aber ich habe es vergessen. Lust. antwortet Mary Rosenbein. Ssssst! nicht so laut! Susi Rinaldo blickt um sich, als hätte sie Angst, jemand könne sie hören. Lusssssst. Ssst! Was für ein schmutziges Wort! Mary Rosenbein äfft die entsetzten Blicke ihrer Mitmenschen nach, wenn sie wieder einmal mit Tabuwörtern auffährt. Sie verdreht die Augen, schlägt die Hände vor ihrem ausladendem Busen zusammen und wünscht sich im selben Moment, jemand anderer, würde die Hände drauflegen. Herrjeh, lacht Mary Rosenbein, da fällt mir ein, daß ich schon lange nicht mehr gevögelt habe. Kürzlich schrieb ich dieses Wort in einem Text, als ich die Rechtschreibprüfung meines Computers drüberließ, da machte der mir den Vorschlag von ‘gepökelt’! Sind Sie sicher, daß das Wort Lust heißt und nicht etwa Frust. Das klingt ähnlich, würde aber besser in diese Show passen. Nein, Lust ist unser Stichwort, zu dem wir möglichst viele Einfälle von uns geben sollen. Dann lassen Sie uns mal überlegen. Mary Rosenbein dreht sich mit ihrem Stuhl zu Susi Rinaldo, nimmt eine Zigarette aus der Packung, zündet sie an, starrt an die Decke, kaut an ihren langen, violett lackierten Fingernägeln. Die andere blickt zu Boden in der Hoffnung, hier eine Idee zu finden. In ihrem Kopf wiederholt sie das Wort Lust. Lust. Lust.
Als ich noch zur Schule ging, da machte meine Oma Vanille-Topfen-Palatschinken, platzt Susi Rinaldo plötzlich heraus. Der Duft strömte durch das ganze Haus, verhedderte sich in der Nase und dann im Gehirn. Dieses wunderbare gelbe Vanille-Aroma. Es klettert die Schleimhäute hinauf und dann macht es Ping im Kopf und Gemütlichkeit und lange warme Nachmittage tauchten auf. Wie bitte? Mary Rosenbein stutzt. Was ist das für eine eigenartige Assoziation? Eine Weile herrscht Schweigen. In den Köpfen der beiden Diven rasen die Überlegungen hin und her.
Schokolade! ruft Mary Rosenbein. Sie schließt die Augen, weil sie somit intensiver in den Moment eintauchen kann. Ich nehme das kleine flache Rechteck, drehe es um. Mit dem Zeigefinger bohre ich mich vorsichtig zwischen die zusammengeklebte Stelle und reiße sie dann mit einem Ruck auf. Schon entströmt der Vanilleduft dem knisternden Papier. Die silbrige Folie biege ich an den Seiten vorsichtig auseinander, dann entblättere ich den Schatz seiner Verpackung. Brauner Duft schmeichelt meiner Nase, dunkel und süß. Ich betrachte die braune Fläche, die mir nun Gelüste der zartesten Sorte bereiten wird. Halte sie an meine Nase. Ein kleines Stück, ein kleines Rechteck breche ich ab. Damit sich seine Zartheit nicht an der Wärme meiner Finger auflöst, nehme ich es in den Mund und hier, hier entfaltet sich die Wärme vollends. Susi Rinaldo kramt in ihrem schwarzen Beutel nach einem Schokoriegel. Schade, ich habe nichts Dergleichen eingesteckt. Dabei läuft mir das Wasser schon im Mund zusammen, wenn ich nur daran denke.
A propos Naschen, fährt Mary Rosenbein fort. Da fällt mir dieses Kribbeln ein, wenn wir als Kinder dem Nachbarn das Schlüsselloch mit Kaugummi verklebten. Mit Kaugummi? Ja, mit einem von der rosaroten pickigen Sorte, die klebten besonders gut. Und es gab immer diese Abziehbilder drinnen. Dann huschten wir in unsere Wohnung zurück, ließen die Türe nur einen Spalt weit offen und fieberten dem Zornesausbruch unseres Nachbarn entgegen. Es war diese Spannung zwischen Belustigung und der Angst, entdeckt zu werden.
Kennen Sie das Gefühl in der Magengegend, wenn man mit der Achterbahn fährt? unterbricht Susi Rinaldo die Stille, die kurz entstanden war in der Garderobe. Eine wundervolle Mischung aus dem Verlangen sich zu übergeben, Angst und Erregung. Zuerst fährt man mit den kleinen Wagen eine gerade Strecke entlang. Man weiß, daß es bald ziemlich steil hinaufgehen wird. Schon rumpelt man los, alle bangen der fürchterlichen, grauenerregenden, magenumdrehenden Abfahrt entgegen. Der Druck, während der Wagen nach unten saust, preßt uns Schreie aus der Lunge, Adrenalin schießt durch den Körper, läßt das Herz wie verrückt pumpen. Ahhhhhh! Sie stößt einen langen Schrei aus und Mary blickt etwas verwundert. Das hätte sie von ihr nicht erwartet. Ob sie sich im Bett auch so benimmt? Und danach frage ich mich immer, wieso ich so blöd war und um mir um teures Geld einen Jeton für diesen Wahnsinn gekauft habe. Jetzt ist es Mary Rosenbein, die in ihrer Tasche kramt. Sie fischt ein dunkelblaues, noch geschlossenes Päckchen hervor. Ich nehme eine Zigarette aus der Packung. Zünde sie an, nehme einen tiefen Zug, sauge das Nikotin, den Teer und all den Kram in mich auf. Fülle meine beiden Lungenflügel, pumpe die Bläschen voll mit Rauch und dann, ja dann, sie nimmt einen tiefen Atemzug, schließt die Augen, der Brustkorb hebt sich, und Susi Rinaldo sieht ihre beiden Rundungen, die sich zwar noch immer gleichmäßig, aber nun in schnelleren Abständen auf und ab bewegen und denkt, du meine Güte, wie groß die sind, ja dann spüre ich mich, forme meine Lippen zu einem O und stoße den Qualm heraus oder lasse ihn in einem tiefen Ausatmen aus meinem Inneren gleiten. Was für eine Genuß, so eine Zigarette. Noch immer hat Mary Rosenbein die Augen geschlossen, ihre Rundungen heben und senken sich nun wieder etwas langsamer.
Nach einer Weile fragt sie: Na, was haben Sie noch auf Lager? Seidene Unterwäsche. Schwarze. antwortet Susi Rinaldo. Oh! entfährt es Mary Rosenbein. Das hätte sie ihr nicht zugetraut. Susi Rinado setzt unbeeirrt fort. Meine Haut spürt die Feinheit des Stoffes. Dann denke ich, wenn die anderen wüßten wie es drunter aussieht. Ich gebe mich eigentlich sehr zugeknöpft. Susi Rinaldo beginnt zu grinsen. Mary Rosenbein ebenfalls. Aus dem Grinsen wird ein immer breiteres Lächeln, das sich nach und nach in ein körperdurchbeutelndes Geschepper verwandelt. Die beiden lachen, daß Tränen schwarze Wimperntuschespuren auf ihrem Gesicht hinterlassen. Sie übersehen die ungeduldig blinkende Aufforderung Ihr Auftritt bitte! Ein nervöses Klopfen an der Türe, eine männliche Stimme, flehentlich: Meine Damen, beeilen Sie sich bitte, Sie sind dran! Die beiden Damen können nicht aufhören mit ihrem prustenden Gewieher. Die beiden blicken einander an, nicken. Sie erheben sich von ihren Stühlen, nehmen ihre Mäntel, öffnen die Türe, gehen an dem zappeligen Mann vorbei. Aber ich bitte Sie, wohin gehen Sie? Mary Rosenbein und Susi Rinaldo blicken ihn gleichzeitig an. Sie schütteln sich vor lachen. Bestellen Sie dem Showmaster, er kann sich seine Schweinderln behalten. Wir haben nämlich keine Lust! Wir holen uns jetzt Topfenpalatschinken, Schokolade und was zu rauchen. Und dann werden wir ja sehen, ob wir noch in die Seide passen. Sie lassen den armen Mann zurück. Ratlos.
