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Petra Öllingers virtuelle Wohnung


Lisa Lercher – Ausgedient

Aktenschupfen

© Petra Öllinger
erschienen in an.schläge, Jänner 2005

Anna Posch, bereits geübte Krimi-Spürnase, war sie doch bereits in „Der letzte Akt“ beteiligt an der Aufklärung des Mordes an einem Stadtrat, gerät dieses Mal in einen Mobbing-Strudel, der für zwei Kolleginnen tödlich, für eine vor Gericht und für die Hauptverantwortlichen glimpflich und ohne Karrieknick endet.Von ihrer Beratungstätigkeit am Krisentelefon des Wiener Magistrats wird sie versetzt zur Abteilung „Bürgersoforthilfe“. Eine unangenehme Neuigkeit, denn sie soll jene Kollegin ersetzen, die sich kürzlich vor Annas Augen vor die U-Bahn geworfen hat. Grund genug hatte sie dazu: schwere Depressionen, ein Ekel als Ex-Mann und eine intrigante Vorgesetzte. Diese will nach oben, schnell, um jeden Preis, und sie setzt die Forderungen der Stadträtin, Nägel mit Köpfen zu machen, um. Einer dieser Nägel ist der Freiwilligenbonus, der von der Partei mit dem Namen Erneuerungsbewegung Österreichs – EBÖ (!) gefordert wird. Menschen sollen sich freiwillig melden zur Alten- oder Flüchtlingsbetreuung, um so für ihre Pension Bonuspunkte (folglich mehr Geld) zu sammeln. Sammeln kann Anna nun Beobachtungen in Bezug auf Menschen-runter-Machen. Als auch noch Anna Lieblingskollegin Paula stirbt, ist ihrAufklärungstalent nicht mehr zu bremsen. Lisa Lercher, selbst in der Bundesverwaltung tätig, gelingt aufs Neue Einblick ins „frohe“ BeamtInnenschaffen, in langweilige Besprechungen (wer hat nicht schon mal beim Wort „Teamsitzung“ aufgestöhnt?) und in Annas Zweifel, Unsicherheiten und Mut – was sie zu einer sehr sympathischen Akteurin macht. Dass jedoch ausgerechnet die Sekretärin als Dummchen mit Riesenbusen daherkommt, lässt die Klischee-Alarmglocken bimmeln. Aber die Realität ist wohl klischeehafter als uns lieb ist. Beunruhigend an diesem Krimi: auch wenn die Handlung frei erfunden ist, solche grauslichen Arbeitssituationen spielen sich tagtäglich wirklich ab, und die derzeitige politische Situation in Österreich lässt einer mehr als nur ein Haar zu Berge stehen. Wie gut, dass immer vorne im Buch der „Absicherungssatz“ steht „Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist unerwünscht und zufällig“. Denn mit „Ausgedient“ könnten sich einige auf den Schlips getreten fühlen und die schriftstellerische Freiheit schnell ausdienen lassen…

Lisa Lercher: Ausgedient. Milena Verlag, 2004, 236 Seiten, € 12.-

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