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Traude Veran – Das steinerne Archiv
Über den ältesten erhalten Friedhof in Wien
© Petra Öllinger
erschienen in evolver, Juni 2002
Wer im 9. Wiener Gemeindebezirk in der Seegasse am Pensionisten-Wohnheim vorbeigeht, ahnt nicht, daß sich dahinter ein Schatz befindet.
Die ursprüngliche Idee Traude Verans, eine Informationsbroschüre über den jüdischen Friedhof zu gestalten, zog immer weitere Kreise, führte zu vielen Recherchen und resultierte letztendlich in einem Buch. Der Friedhof ist Ausgangspunkt für eine Reise durch die jüdische Geschichte Wiens. Der Beginn bietet Einblicke in die Totengebräuche der Juden und schildert die Geschichte anderer jüdischer Friedhöfe in Wien. Symbole auf den Grabsteinen wie Krug, Schüssel, Hexagramm, Blumen, Ranken und Tiere werden hinsichtlich ihrer Bedeutung für die jüdische Kultur beschrieben. Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung nimmt den Hauptteil des Buches ein. Der Bogen spannt sich vom 12. Jahrhundert bis zum heutigen Judentum in Wien. Erschütternd sind die Schilderungen, wie diese Bevölkerungsgruppe immer wieder zum Spielball der Herrschenden gemacht wurde. Als Einkommensquelle waren sie hochwillkommen. Man belegte sie mit hohen Steuern, Schutzgebühren und Kontributionen für Kriegszwecke. Sie wurden vertrieben oder getötet, wenn beispielsweise Adelige ihre Schulden, die sie bei den Juden machten, nicht mehr bezahlen konnten oder wollten. Wissenswertes findet sich auch für geologisch Interessierte. Man erfährt, daß die meisten Grabsteine aus Leithakalk sind und der Typ Kaiserstein am beständigsten ist. Der Grund für diese Ausführungen; je robuster das Gestein, desto besser sind die Inschriften und Symbole erhalten und umso leichter wird die historische Spurensuche. Folglich sind die Inschriften teilweise noch zu entziffern. Sie ermöglichen eine Rekonstruktion der Schicksale vieler Verstorbener. So werden diese Menschen wieder lebendig und ihre Geschichte berührt, wenn zum Beispiel auf dem Stein Nr. 993 steht: Die Welt ist mir finster, die Schritte sind mir verengt, weggestorben ist mir meine Frau., die fromme und die schuldlose.
Traude Verans Steinernes Archiv ist kein geschichtliches Fachbuch im engeren Sinn, wo Inhalte oftmals aus einem distanzierten wissenschaftlichen Blick abgehandelt werden. Vielmehr gelingt es ihr, Fakten und persönliche Anteilnahme zu vereinen. Auf diese Art und Weise weckt sie die Neugierde auf mehr Wissen über Wiens jüdische Geschichte und die Lust darauf, mit dem Steinernen Archiv in der Hand selbst eine Erkundungstour zu starten.
Ein großes Plus sind die vielen zusätzlichen Informationen. Es enthält ein Glossar, in dem Begriffe aus dem jüdischen Kulturkreis aufgelistet werden, einen Plan, auf dem die Lage der nummerierten Grabsteine skizziert ist und eine genaue Liste mit den Beschreibungen der Steine. Ein relativ langes Literaturverzeichnis rundet diesen Teil ab. Vielleicht gelingt es mit diesem Buch etwas in den Menschen zu bewegen, das Traude Veran in ihrem Vorwort so ausdrückt: Ich will, daß Menschen einander verstehen lernen, auch wenn sie ihre Ansichten und Lebensgewohnheiten, ihre Werte und Überzeugungen voneinander unterscheiden.
Traude Veran – Das steinerne Archiv. Der alte Judenfriedhof in der Rossau. Mandelbaum Verlag, 2002
