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Herzlich Willkommen
in Petra Öllingers virtueller Wohnung


Trotzdem oder Joes Gäste

© Petra Öllinger

(erschienen in der Literaturzeitschrift DUM, Langenlois, 1999)

Bord fáilte! Noch immer bekomme ich dieses Begrüßungswort nicht heraus, ohne Gefahr zu laufen, meine Zunge hoffnungslos in der Mundhöhle zwischen Zähnen und Gaumenzäpfchen zu verheddern. Auf das Rechtschreibprogramm meines Computers vertraue ich schon längst nicht mehr. Sie haben ein Wort gewählt, das weder im Wörterbuch noch im Benutzerhandbuch vermerkt ist. Möchten Sie dieses Wort benutzen und weiterfahren? Ich klicke ärgerlich auf Ja. Ich brauche ein Rechtschreibprogramm-Modul in Gälisch. Gälisch? Augen, groß wie Untertassen, waren die Reaktion, als ich meinen Vorsatz kundtat, daß ich diese Sprache erlernen werde. So was braucht doch keine Mensch. Warum lernst du denn nicht etwas Vernünftiges? Tschechisch oder Ungarisch. Du weißt doch, die wirtschaftlich aufstrebenden Länder! Da kannst du Kohle damit machen. Ich wollte aber keine Kohle machen. Und was hieß schon, kein Mensch braucht SO WAS? Ich brauchte SO WAS! Außerdem, gab es Menschen am westlichen Zipfel von Europa, die brauchen SO WAS auch. Englisch aus irischer Kehle ist beinahe unverständlich, warum sollte ich mich nicht gleich ins Gälische vertiefen? Du bist verrückt! Ja, antwortete ich, ich bin verrückt nach diesem Land, nach diesen Menschen. Es ist Irrsinn, der nicht nach Erklärungen verlangt. Ende. That’s it.

Gespräche mit Besuchern entwickeln sich auch heute noch zu Frage-und-Antwort-Spielen. Joe; ich weiß nicht, woher er immer die Leute anschleppt. Ich weiß nicht, warum wir einander ausgerechnet dann immer zufällig im Pub treffen und er mich, ähnlich einem Dorfwunder, vorzeigt. Komm, altes Mädchen, erzähle doch unseren Gästen wie das bei dir war! Joe hat mich in sein Herz geschlossen. Er nennt mich altes Mädchen, weil er meint, daß wir einander seit Ewigkeiten kennen. Ich bin Dreißig. Er war der erste, dem ich stolz ein paar gälische Wortfetzen darbot. Die Folgen waren chaotisch. Er reagierte mit einem Schwall zungenbrechender Sätze, da halfen auch meine verzweifelten Erklärungen nichts, daß ich nichts verstünde, und er doch bitte Englisch mit mir sprechen solle. Er hielt kurz inne, lächelte, legte von neuem los, auf Englisch. Ich konnte keinen Unterschied erkennen. Ich nickte freundlich. Joe kommentierte im Pub ein Fußballspiel, das im Fernsehen übertragen wurde. Ich nickte weiterhin freundlich. Nur am Klang seiner Stimme konnte ich erkennen, ob es ich um ein Frage oder eine Feststellung handelte. Plötzlich wollte er etwas wissen. Ich identifizierte das … would you say? als Aufforderung, meine Meinung zum Spiel abzugeben. Ich nickte verlegen und fragte mich, warum man in Sprachkursen eigentlich nie wirklich praktische Dinge lernt. Wichtige Aussagen wie: Ja. Sie haben recht. Der Typ Linksaußen gehört für den Rest seines Lebens gesperrt. Heute kann ich einige von Joes kraftstrotzenden gälischen Ausdrücken nachsprechen. Trotzdem. Vieles von dem was er dabei sonst bei Fußballspielen von sich gibt, verstehe ich noch immer nicht.

Joe ist ein Fuchs. Komm, altes Mädchen. Wieso bist du hier geblieben? Er weiß genau, warum er mich danach fragt. Er führt mich in Versuchung. Es gelingt ihm immer wieder, die wahren Gründe meines Hierbleibens aus meinen Fasern zu quetschen. Irland. Nicht leichte zarte Verzückung eines turtelnden Liebhabers ist es, die mich zum Glühen bringt. Reife Erdigkeit läßt mich bleiben. Trotzdem. Hier auf dieser Insel, die einem Menschen gleicht, der nicht in jugendlichem Glanz erstrahlt, sondern seine Macken hat, bockig ist, störrisch, betrunken, herb, dunkel. Den man liebt. Trotzdem. Ein Mensch, der sich nicht herausputzt und in begehrlicher Erwartung ruft: Sieh mich an! Komm zu mir!, sondern der mit sich alleine sein kann. Wenn jemand kommt, ihn liebt, ist es gut. Wendet man sich ab, ist das auch in Ordnung. So einfach ist es mit Irland. Joes Gäste wollen jedoch immer irgendwelche Gründe genannt bekommen. Ich erweise ihnen den Gefallen, mache mir einen Spaß. Die Stevens, Henrys, Susans und wie sie alle heißen, erwarten, daß es das saftige grüne Gras oder die Freundlichkeit der Menschen oder zumindest die netten Schafe mit den bunten aufgemalten Kreisen auf dem Fell sind, die mich faszinieren. Meine Verrücktheit nach Irland ist nicht an Oberflächlichkeiten von typischen Touristen-Assoziationen festgemacht. Ich versuchte es mit Schottland, mit Wales, weil ich glaubte, Irland sei nur ein vorübergehender Spleen und meinte, ein Besuch in irlandähnlichen Gebieten könne mich heilen. Die Aufenthalte waren schön, interessant, jedoch war ich in Schottland und Wales, nicht in Irland. Und geheilt war ich schon gar nicht. Niemand hier erwartet, daß ein Fremder Irisch spricht, aber wenn es einem gelingt, zumindest einige Wörter in dieser Sprache hervorzubringen, dann kann er sich einer zehnfachen Ration an Liebenswürdigkeit sicher sein. Obwohl, nun ja, Liebenswürdigkeit als Bezeichnung wird dem Verhalten der Menschen nicht gerecht. Wenn zum Beispiel O’Donnek mir beim Tratsch auf der Straße erklärt, daß er für seine Schafe rein gar nichts mehr einnehmen kann, und er mir verkündet, die ganze EU könne sich ihre Regelungen sonstwo hinstecken, dann zeigt sich irisches Temperament. Nicht, daß O’Donnek wild gestikulierend mit den Händen herumfuchtelt oder seine Stimme drohend erhebt. Nein, nein. Er lehnt ruhig auf dem Knauf seines Spazierstockes, den Körper etwas zur Seite geneigt. Aus der Distanz betrachtet, sieht er höflich plaudernd aus. Trotzdem. In seinen Augen funkelt Wildheit. Man kann sie sehen, wenn man nahe genug dran ist, nahe genug an O’Donnek und seiner Seele.

Warum also Irland? Melancholie? Ein Kurzbesuch des Friedhofs San Michele in Venedig könnte diese Sehnsucht ebenso gut stillen oder Argentinischer Tango von Piazzola. Dafür muß man nicht seine Existenz hier neu aufbauen. Nein, Melancholie ist ein zu poetischer Ausdruck für jene Tage, an denen der Regen niemals aufhört. Keine kurzen kräftigen Schauer, die Gewißheit bieten, daß bald wieder ein sonniges Loch in der Wolkendecke aufreißt, sondern ein andauerndes Berieseln. Die Feuchtigkeit läßt die Wäsche nicht trocknen, einen mitsamt den Gummistiefeln im Matsch steckenbleiben und das berühmte irische Grün nur mehr grau aussehen. Trotzdem. Ich möchte dieses Wetter nicht missen. Es bietet einen ausgezeichneten Vorwand, an den arbeitsfreien Tagen vor dem Kamin zu lümmeln. Der torfige Geruch verirrt sich bis ins Hirn. Früher erzeugten die Torfziegeln mehr Qualm als Wärme, der Rauch brannte in der Nase. Früher, als die Menschen der unteren Schicht, also die meisten Inselbewohner, in schilfgedeckten Hütten hausten, gemeinsam mit Schweinen und Hühnern in einem Raum. Mit Spitzendeckchen verzierte Tische und sauber gekehrte Böden in den Vorzeige-schilfgedeckten-Häuschen der Freilichtmuseen versuchen darüber hinwegzutäuschen, in welchem Dreck die Leute vegetierten. Trotzdem. Die saubere Illusion will nicht gelingen. Viele fristeten als Pächter von steinigen Böden ihr Dasein, immer mit der Angst im Nacken, entweder zu verhungern, der Willkür eines englischen Landbesitzers ausgesetzt zu sein oder bestraft zu werden, weil Gälisch gesprochen wurde. Als im letzten Jahrhundert große Hungersnöte ausbrachen, weil die Kartoffeln in der Erde verfaulten, kamen die Rettungsmaßnahmen zu spät, falls sie nicht sowieso verhindert wurden. Manche schafften es halbtot zu emigrieren nach Kanada oder in die USA. Viele starben wie die Fliegen, ganze Familien wurden ausgerottet. Wenn sie nicht begraben wurden, dann verfaulten sie genauso in ihren Hütten wie die Kartoffeln im nassen dunklen Schmutz.

In den Städten war es nicht viel anders, nur die Trostlosigkeit und die Apathie waren größer. Trotzdem. Die skeptischen, angespannten und entsetzten Gesichter der Stevens, Henrys, Susans erhellen sich beim Wort Städte. Dublin. Warum sind Sie nicht in dieser wunderbaren Stadt geblieben? Ich mag Dublin nicht. Verwunderte Blicke. Naja, nicht besonders, versuche ich zu beschwichtigen. Mit dieser unverblümt unhöflichen Feststellung stoße ich auf Unverständnis. Meistens. Es ist mir dort zu laut und zu groß und doch wieder nicht laut und groß genug, um die Atmosphäre einer Metropole in mir wachzurufen. Man versucht sich großstädtisch zu geben, ertrinkt aber in der Stumpfheit einer Provinzstadt. Dublin. Nein, Dublin ist für mich nicht stimmig. Ich erlebe diese Stadt wie ein Mädchen vom Land, das, in grellen Farben aufgedonnert, auf ihren Typen wartet. Trotzdem. Ich mag es, meinen Blick in die silberglitzernde Schwärze des Flusses Liffey einzutauchen, der sich ruhig und gelassen durch sein betoniertes Dubliner Flußbett schlängelt. Und die Dubliner Pubs, die sind auch nicht zu verachten. Sie sind größer und voller als hier. Besucht man jene auf der Südseite der Liffey, dann trifft man kaum auf Touristen. Ihnen wird geraten, diesen Teil vor allem nach Einbruch der Dunkelheit zu meiden, aufgrund der hohen Kriminalität. Also doch ein bißchen der Hauch einer Großstadt? Das zeigt sich aber auch in diversen Fernsehprogrammen, die in den Dubliner Pubs gezeigt werden. Die Simpsons zum Beispiel oder brasilianische Seifenopern sind sie in meinem westirischen Dorfpub kaum zu sehen. Man ist an hausgemachten Familiensagas interessiert. Manchmal gehe ich auf ein Jamesons, und wenn Joe mich nicht gerade bittet, meine Liebeserklärung abzugeben, sehe ich mir Folge 523 oder 647 einer Endlosserie an. Nicht, daß ich Zuhause keinen Fernseher hätte. Doch, doch. Trotzdem. Hier kann ich die komplizierten Verwicklungen diverser TV-Geschichten sofort mit anderen Besuchern diskutieren. Habe ich einen Teil versäumt, stellt das überhaupt kein Problem dar. Emily oder sonst jemand erzählt mir sicher was los war, irgendein story-teller findet sich immer.

Die heimelige Stimmung und Gemütlichkeit, die den Pubs immer zugeschrieben werden? Ja, die gibt es. Auch. Wenn es schlimm wird, entpuppt sich das öffentliche Haus als Sündenpfuhl. Dann herrschen Frust und Suff. Der Besuch des dörflichen Pubs ist oftmals der Versuch, vor allem der männliche Versuch, der Eintönigkeit eines irischen Kaffs zu entfliehen. Wie Joe, der Fuchs. Und Säufer. Es verwundert nicht, daß es besser ist, sich vollaufen zu lassen. Oder Kinder zu machen. Besonders an jenen Tagen, an denen es unaufhörlich regnet. Nicht immer ist es spannend, vor einem Kaminfeuer nur zu lümmeln. Ein feuchtfröhlicher Abend vermag , die irische Seele wieder aufzupäppeln. Das Stehauf-Männchen-Syndrom liegt den Iren im Blut. Schließlich kämpften sie im Laufe der Jahrhunderte gegen alle möglichen Eindringlinge, die versuchten sich ihrer zu bemächtigen. Nichts da! Die hatten nicht mit dem irischen Widerstand gerechnet. Wohl jede Familie kann in ihrem Stammbaum mit mindestens einem rebellischem Vorfahren aufwarten. Ja, ja, doch, auf den ersten Blick klingt ein aufrührerisches Leben nach Abenteuer und Spannung. Auch ich war zuerst nicht verschont geblieben vom träumerischen Hauch eines freiheitsliebenden Haudegens, erlebte jedoch rasch Ernüchterung. Fahre ich nach Derry, ist die Rebellenromantik ausgeträumt. Man passiert die Grenze zu Nordirland. Hinter Sandsäcken liegen Maschinengewehre versteckt, zusammen mit den dazugehörigen Soldaten. Man leert Postkästen unter Polizeiaufsicht aus Angst vor Bombenattentaten, ich frage mich: “Wo leben die eigentlich?” Wenn die Leute sich gegenseitig die Schädel einschlagen, besser noch in die Kniegelenke schießen oder in die Luft jagen, bleibt die Liebenswürdigkeit der Menschen hinter einem großen verwunderten Fragezeichen versteckt. Dann herrschen nur noch Dummheit, Starrsinn und Trottelei. Trotzdem. Nein, im Norden seien sie noch nicht gewesen, erwähnen Joes Gäste. Aber hier im Westen ist es besonders ursprünglich, nicht wahr? Joe wirft mir seinen treuherzigsten Blick zu. Er ist ein Fuchs. Er weiß genau, daß ich mir diese Gegend ausgesucht habe, weil ich trotz einiger Irrfahrten mein Herz verloren habe an diese Gegend. Ein bißchen wohl auch an Joe. Er weiß es genau. Damals, als ich mich verirrte in der Connemara. Zuerst fühlte ich mich wie auf der Route 66 und grölte Born to be wild. Und schon war ich verloren, ich und mein japanischer Leihwagen. Ich hatte mich verfahren. Ich hoffte auf wild zerklüftete Landschaften, Wind, Sturm, Regen. Nichts davon war zu merken. Im Gegenteil, die Sonne brannte erbarmungslos auf das Autodach. Sehr ungewöhnlich für Irland. Keine einzige Wolke! Kein einziges Connemara Pony! Statt dessen konzentrierte ich mich auf die Straßenschilder. Trotzdem. Ich blieb hängen, nicht nur mit meinem Japaner. Heute besitze ich einen alten knallgelben Ford, dem der Tankdeckel fehlt, noch immer, ich weiß nicht wie lange schon. Trotzdem. Er fährt tadellos. Das ist wichtig. Ich habe es aufgegeben, alltäglichen Kleinkram mit dem Fahrrad zu erledigen.. Es macht keinen Spaß, wenn Einkaufstüten sich in braunes Papiermaschee verwandeln. Das Radeln überlasse ich den Touristen, die, in rote oder gelbe Regenjacken gewickelt, über Landstraßen, Feldwege und Connemarapfade rumpeln.

Wenn mich die Sehnsucht nach rauhen Klippen überkommt, dann zuckle ich den Atlantic Drive entlang. Gemütlich fahren, nicht rasen. Die Strecke erlaubt keine hirnverbrannten Fahrkünste, mein knallgelber tankdeckelloser Ford auch nicht. Hinter jeder Kurve öffnen sich mir Aussichten, Bilder, die mich überfließen lassen von, ja, wovon eigentlich? Mir Rationalität ist da nichts zu machen. Ich weiß, meine Entscheidung, dazubleiben war richtig. Der Atlantik peitscht das Gestein von den Klippen. Von Ruhe ist nichts zu merken, kein liebliches Wellenrauschen, sondern ein Donnern. Man weiß, daß hier der Mensch unterlegen ist. Es ist vorbei mit Arroganz und Präpotenz. Das Meer demonstriert selbstbewußt: He, Leute, gebt acht, hier bin ich der Herr im Haus und ihr, ihr seid schön brav und ja nicht übermütig! Ich muß innehalten in meinen Begründungen, man kann das irische Meer nicht erklären, die Rauheit, den kräftigen, lebendigen, salzigen Geruch, den die Gischt in feinem Sprühen auf dem Gesicht verteilt. Joe weiß das genau. Trotzdem. Er läßt es mich immer wieder erzählen. Die Stevens, Henrys und Susans werden unruhig. Am liebsten würde ich ihnen die Neugierde und Sehnsucht aus den Augen pulen. Man kann soviel Ruhe und Erholung finden., stellen sie fest. Tatsächlich gibt es viele stille Plätze in Irland. Friedhöfe. Jene Orte, wo man nicht auf in-Brombeersträucher-pinkelnde Touristen trifft. Friedhöfe. Ja, die Hochkreuze von Glendalough sind einmalig. Wunderbar. Viel beeindruckender jedoch ist die Scheußlichkeit der Plastikkäseglocken auf den Gräbern. Darunter befinden sich Kunststoff-Blumen in rosa oder himmelblau, die einen Jesus umranken oder eine Jungfrau Maria, in Plastik versteht sich, wegen der Feuchtigkeit. Die heilige Familie würde sonst verschimmeln. In extremen Fällen verschwinden Grabsteine unter meterhohem Gras oder man droht, durch Gruftdeckel zu fallen, weil die Platten brüchig und im dichten Gestrüpp kaum noch zu erkennen sind. Irgendwie kümmert das keinen. Trotzdem. Die Religion, überhaupt die Kirche; in diesem westirischen Dorf hat man nicht die Möglichkeit, in großstädtischer Anonymität zu verschwinden. Wer den Gottesdienst schwänzt, der ist verdächtig oder protestantisch oder ein Heide oder fremd. Ich war zu Beginn meines Daseins hier ebenfalls verdächtig. Ich gehöre zu den beiden letzten Kategorien, noch immer, muß manchem skeptischen Blick standhalten. Trotzdem. Ich schwänze weiterhin die Sonntage. Was Sturheit betrifft, kann ich mit den Iren ausgezeichnet mithalten. Tatsächlich akzeptieren die meisten in der Zwischenzeit mein Verhalten. Die anderen, die bösen Zungen, kann ich verkraften. Die sprühen ihr Gift sowieso auf jeden, egal, ob Kirchenbesuch oder nicht.

Manchmal findet Joe Leute, die mit mir eine Art von literarischen Streit ausfechten. Joe grinst. Er weiß, daß ich mich schon über hundert Mal ereifert habe über James Joyce und seinen Ulysses, einem Werk, das hochgejubelt wird wegen seiner sprachlichen Brillanz. Trotzdem. Ich verstehe es nicht und es fällt mir auf die Nerven. James Joyce, nein, zu meinen Favoriten gehört er nicht. Er hat Sylvia Beach in die Pfanne gehauen. Sie ruinierte ihren Buchladen in Paris, weil sie Ulysses publizierte. Wird das vielleicht irgendwo erwähnt?! Spätestens bei diesem Ausruf meinerseits, bricht Joe in schallendes Gelächter aus, klopft mir auf die Schulter und meint zu seinen Stephens, Henrys, und Susans, daß dies jedesmal dasselbe sei mit mir und eigentlich bevorzuge ich George Bernhard Shaw. Er hat, zumindest theoretisch, gegen das Heiraten gewettert und ein bißchen auch gegen die Benachteiligung der Frauen. Joe ist ein Fuchs. Er weiß genau, daß ich Ulysses irgendwo verstaut habe und ich ihn eines Tages doch wieder zur Hand nehmen und lesen werde, genauso wie die Werke von Oscar Wilde, Liam O’Flaherty, Bernhard MacLaverty, Micheál Ó Siadhail oder Cathal Ó Searcaigh. Joe weiß genau, daß die Gespräche mit seinen Gästen immer dazu dienen, mein trotzdem in mir aufrechtzuerhalten.