Herzlich Willkommen
in Petra Öllingers virtueller Wohnung
Trümmerfrauen
© Petra Öllinger
(veröffentlicht in der Anthologie “Schreibfluss”, Promedia-Verlag 2000, Wien)
Lieber Ewald.
Es ist mir klar, daß auch ein Anruf möglich ist, um Dir zu schildern, wie es mir zur Zeit ergeht, wie es bestellt ist um mich. Jedoch fällt es mir immer schwerer, mein Durcheinander im Kopf während eines Gespräches zu ordnen. Papier ist geduldig. Schriftlich bringe ich meine Gedanken leichter in einen Zusammenhang. Ich muß nicht sofort auf Fragen eine Antwort geben, die für den anderen konfus klingt. Du weißt, es ist nicht das erste Mal, daß ich mich in diesem Zustand befinde, aber ich fürchte, ich finde nun nicht mehr alleine aus dieser Schwärze, dieser Dunkelheit, die Du auch kennst, hin und wieder erleben mußt. Gedanken schwirren in meinem Kopf durcheinander, fliegen hin und her. Kaum kann ich mich auf eine einzige Sache konzentrieren. Ruhelos irre ich durch mein Leben. Es ist nicht abzusehen, wie lange ich brauchen werde, diesen Brief fertigzuschreiben. Genauso wenig weiß ich, wieviel Zeit ich benötigen werde, um Alltäglichkeiten zu erledigen. Der Abwasch nimmt mich stundenlang in Anspruch. Ich spüle einen Teller ab, ermüde dabei. Gleichzeitig purzeln meine selbst auferlegten “Du-sollst-noch-dieses-tun”-Ermahnungen durch mein Gehirn. Ich lasse das Geschirr stehen und widme mich anderen Dingen, für ein paar Minuten, länger schaffe ich es nicht mehr. Es ist eigenartig, Leute, die mich nicht kennen, niemals so erlebt haben, wie Du mich gesehen hast, deuten dieses Verhalten als energiegeladen, übersprudelnd. Sie sehen nur eine Fassade, die ich aufgebaut habe, damit sie nicht merken, wie chaotisch es in mir ausschaut. Die Kontrolle zu verlieren, ängstigt mich. Meistens bin ich damit beschäftigt, meinen Tagesablauf zu strukturieren, doch versteckt sich hinter all meinem Bemühen immer die eine Frage: “Wozu das Ganze?” Alles ist für mich dann sinnlos, ich lasse meine Tätigkeiten bleiben. Manchmal lege ich mich ins Bett, weil ich mich nicht mehr aufrecht halten kann, weil ich mich als Versagerin fühle. Es gelingt mir kaum noch, Banalitäten zu meistern.
Fassade! Ich bin immer darum bemüht, daß nichts abbröckelt. Was bliebe übrig, lösten sie zuerst die Farben, der Verputz, stürzte danach alles ein? Dabei muß ich immer an meine Großmutter denken. Sie gehörte zu den Trümmerfrauen, die Geröll wegräumten, die noch heilgebliebenen Reste für einen Wiederaufbau nutzten. Darum beneide ich sie denn ich bin keine Trümmerfrau, die aus Schutt eine neue Existenz aufbauen könnte. Nicht einmal dazu bin ich fähig. Aber ich verachte sie auch, wenn sie mir mit Reden kommt, wie: “Früher hatten wir keine Zeit für solche Sachen.” Oft antworte ich wütend:” Kannst du nicht einsehen, daß materielle Not keine Krankheit im Kopf heilen kann?” Sie kann es nicht verstehen, sie will es auch nicht. Was bliebe übrig, wenn meine Kulisse zusammenbrechen würde? Ich fürchte, nichts. Ich werde Dir erzählen, wozu ich diesen Schutzwall aufgebaut habe. Es gibt für mich kein Zurück mehr. Alles sollst Du wissen. Das Mauerwerk besteht aus Fröhlichkeit. Niemand ahnt, daß sich dahinter Schmerz und Verletzlichkeit befinden, die mich auswringen wie einen nassen Lappen. Optimismus verdeckt die Angst, die mich immer wieder und immer stärker am Hals packt, mir die Luft abschnürt. Panik, daß ich nicht bestehen kann im wirklichen Leben. Furcht, daß mir die Luft ausgeht im Rennen um einen vorderen Platz. Ich kann nicht mehr mithalten im täglichen Wettbewerb. In meinem Job rauben mir schon Routinetätigkeiten die Kraft. Erfolgreichsein. Leistung. Firmenloyalität. Pflichterfüllung. Weiterbildung, ein Leben lang. Schlagworte, die auf mich einprasseln, wenn ich die Zeitung aufschlage, wenn ich auf Plakate blicke, wenn ich Gesprächen der normalen, der gesunden Menschen zuhöre. Aufforderungen, Ermahnungen, die mir meine Unzulänglichkeit zeigen, mein Unvermögen, Umsatzzahlen weiterzusteigern, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor zu sein. Niemand hat es bis jetzt meine Unzulänglichkeiten bemerkt, denn noch kann ich mich hinter meiner Wand aus Sorgfalt und Genauigkeit verstecken, noch hören die Menschen Sätze wie:” Das werden wir schon irgendwie hinbekommen. Nur nicht aufgeben.” Ich selbst glaube schon längst nicht mehr daran. “Daily hassels”, die kleinen nervenaufreibenden Erledigungen des Alltages treiben mich weiter in meine Hoffnungslosigkeit. Einen Supermarkt zu betreten bedeutet für mich eine Hürde, die es täglich zu überwinden gilt. Konzentrationsmangel beim Einkauf. Ich stehe vor einem Regal, fühle mich vollkommen überfordert durch die Auswahl an Suppenpackungen, an Obst, an Gemüse. Obwohl ich mir immer alles fein säuberlich aufschreibe, muß ich kontrollieren, ob ich nichts vergessen habe. Es reicht nicht ein einmaliger Blick in den Einkaufswagen, nochmals muß ich auf den Zettel schauen, in den Wagen, auf den Zettel, in den Wagen und vergesse doch immer wieder etwas.
Ich fühle mich dann immer beobachtet, denke mir: “Wenn sie mir zusehen, müssen sie denken, ich bin verwirrt.” Ich glaube zu spüren, wie sie sich lustig machen über mein Verhalten, sich hinter meinem Rücken zu lachen beginnen. Drehe ich mich um, ist nichts davon wahr und ich fühle mich noch näher dem Irrsinn. Auf der einen Seite herrscht der Wunsch, daß endlich jemand kommt, mich in den Arm nimmt und mich auch dann nicht fallen läßt, wenn ich wieder zu zappeln und schreien anfange. Andererseits ziehe ich mich zurück von den Menschen, immer mehr, denn ich habe meine Hoffnung, daß jemand mich noch retten kann, beinahe aufgegeben. Mit großer Mühe gelingt es mir, freundlich und nett zu sein zu meinen Mitmenschen, denn unter der Oberfläche brodelt es. Ich beneide sie, die ohne viel nachzudenken leben, scheinbar ohne Angst, ohne Verwirrung . Von Zeit zu Zeit verlassen mich die Kräfte, meine Verzweiflung bricht los in einer zerstörerischen Welle aus Wut und Aggression, die sich gegen alle richtet, deren Ratschläge, deren scheinbar mitleidsvollen Blicke oder auch nur bedeutungslose Bemerkungen das Faß zum Überlaufen bringen. Meine Hoffnungslosigkeit quillt in bösartigen dicken Wortbrocken aus mir hervor. Deshalb, verstehst Du, kann ich niemanden mehr in meiner Nähe dulden. Ich habe Angst, daß ich sie vergifte mit meinem Zynismus, meiner Bösartigkeit. Ich gehe kaum noch ans Telefon, lehne Einladungen ab. Die Gespräche sind mir zu anstrengend. Ich will keine Fragen mehr beantworten, keine Erklärungen geben. Wenn sie an meiner Fassade zu kratzen beginnen, dann scheuche ich sie weg, ich will nicht, daß sie in meinen dunklen Ecken herumschnüffeln. Ich warne sie. Sie würden sonst mein wirkliches Ich sehen, ein Ungetüm, das die Menschen verschlingt, sie wieder ausspuckt, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, wenn sie nicht verstehen wollen, daß ich am Ende bin. Ich bin ein Scheusal, ein Monster, auch wenn Du mir immer und immer wieder sagst, daß ich ein liebenswerter Mensch bin, so kann ich es Dir nicht glauben. Die verständnisvolle Zuhörerin, diese Hülle läßt mich einen guten Platz in der Gesellschaft einnehmen. Sie ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, um von meinen eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Je schiefer und wackeliger die anderen sind, desto perfekter und standfester erscheine ich selbst. Das Bild der starken Frau, die alles schafft, auf keinen Mann angewiesen ist, schenkt mir oft bewundernde Kommentare der anderen. Weißt Du noch, damals, als Peter mich aus seinem Leben warf, mir zu verstehen gab, daß ich nicht gut genug für ihn bin. Tapfer trug ich das Banner “Ich lasse mich von so einem Typen doch nicht aus dem Gleichgewicht werfen!” vor mich hin. Mein Kopf sollte ab nun alles regeln, dieser tiefe Schmerz, ich wollte ihn nicht mehr fühlen. Ein Bild der Beherrschten. Das Gefühl schlägt wie eine Welle über mir zusammen, manchmal, wenn ich sie sehe, diejenigen, die Teil eines anderen Lebens sind, sie händehaltend und verliebt vor mir schlendern, traute Zweisamkeit spielen. Trotzdem werte ich diesen Zustand ab, als unnötigen Kram. Meine Lieblingsausrede: “Keine Zeit.” Dient doch nur mehr dafür zu zeigen, daß ich viel zu beschäftigt bin, um eine Beziehung aufzubauen. Das Theater spiele ich, um nicht von der Einsamkeit erwürgt zu werden, wenn ich abends nach Hause komme. Um der gähnenden Leere der Wochenenden zu entkommen, stopfe ich die Zeit voll mit Aktivitäten. Genaugenommen, ich stopfte sie voll. Somit konnte ich Fragen: “Wie verbringst du deine Freizeit?” angemessen beantworten. Nun habe ich auch dazu keine Kraft mehr. Führte ich früher mit Mühe und Not alle meine Pläne aus, so existieren sie jetzt nur mehr in meinem Kopf. Müßte ich nicht zur Arbeit gehen, würde ich die ganze Zeit im Bett liegenbleiben, an die Decke starren, während es in meinem Kopf surrt und ich keinen Gedanken zu Ende verfolgen kann. Ich wehre mich gegen die Erkenntnis, daß ich ganz alleine bin. “Jeder ist im Grunde alleine,” erwähntest Du in einem Gespräch. Ich stimme dieser Aussage zu. Jeder muß seine Entscheidungen alleine treffen, niemand kann einem die Verantwortung für sich selbst abnehmen. Eine Bejahung, die im Kopf erfolgt. Jedoch, tief in mir, sehne ich mich nach dem Heiland, der mir Krücken zuwirft. Aber will ich tatsächlich nur eine Geh-Hilfe? Nein, mittlerweile wünsche ich, jemand würde für mich Entscheidungen treffen, mir sagen, wo es langgeht. Die Unsicherheit, das Gefühl der Hilflosigkeit, ich ertrage das alles nicht mehr. Ich glaube, das einzige, was mich noch vor dem Schritt in die endgültige Dunkelheit zurückhält, ist die Angst, was danach kommt. Habe ich meine Lektion nicht gelernt? Muß ich wieder und wieder von vorne anfangen, in einem neuen Leben? Nein, sterben will ich nicht, aber so weiterleben kann ich auch nicht mehr. Ich merke, wie die Wand meiner Fassade sich langsam aber sicher zur Seite neigt. Haarfeine Rissen zeigen sich, ich fürchte, sie werden zu immer größeren und breiteren Sprüngen werden, die ich bald nicht mehr kitten kann mit Fröhlichkeit. “Du bist verrückt,” sagtest Du vorgestern zu mir und ahntest nicht, wie recht Du damit hattest. Die Mauer ist ver-rückt, ich bin es auch. Ich schicke diesen Brief ab und hoffe, daß Du mich verstehen kannst. Du bist der einzige der mir helfen kann, denn auch Du kennst dieses Gefühl der inneren Schwärze. Wenn Du es nicht vermagst, bleibt mir nur der Wahnsinn. Oder meine Auslöschung. Hilf mir!
Deine Theresa.
