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Petra Öllingers virtuelle Wohnung


Zerfallen

© Petra Öllinger

Erschienen in „In Female Science Faction Reloaded. Ausgewählte Erzählungen.“ Karin Ballauf, Helga Gartner, Roswitha Hofmann, Doris Nußbaumer (Hsginnen.). Promedia Verlag, Wien 2008.

„Ich muss mich von ihnen trennen“, seufzt meine Freundin Ilona und zeigt auf ein Paar Brüste. „Möchtest du sie nicht haben?“, fragt sie.
Wahrscheinlich bietet der Busen zwischen einem Waschbrettbauch, zwei Paar Füßen Größe 36, vier Stück Armen und diversem anatomischen Schnick-Schnack ihrer Meinung nach ein ziemlich abgewracktes Bild. Wie sonst käme ich zu diesem „großartigen“ Angebot.
Ich winke ab. „Nein danke. Ich besitze schon vier. Und zwar eigene.“
„Du bist gemein.“
„Es tut mir Leid. Aber ich muss in diesem Zusammenhang an meinen Nachbarn denken. Der macht mir andauernd Schwierigkeiten. Wenn er aus dem Küchenfenster schaut, blickt er genau auf jene Stelle im Garten, wo meine Lieblinge die meiste Zeit verbringen. Wahrscheinlich hatte er wieder einmal erfolglos versucht, sich bei ihrem Anblick einen runterzuholen. Hatte der doch die Frechheit, Schadenersatz für seinen Feldstecher von mir zu verlangen, weil ihm der angeblich vor Aufregung aus der Hand gefallen war, als er das Fenster schließen wollte, ‚wegen des Lärmes, den vor allem Ihre Brüste machen!’ blaffte er mich an. ‚Ich leiste Ihnen sicher keinen Ersatz für Ihr Fernrohr, nur weil sie unfähig sind, beim Wichsen zwei Sachen gleichzeitig in der Hand zu halten!’ schrie ich, ‚Und hören Sie auf, meine Füße, Hände und Brüste zu belästigen!’“ Ich merke, wie mir beim Erzählen wieder die Galle hochsteigt.
Ilona lächelt selig.
„Hast du mir überhaupt zugehört? Ich habe Ärger mit meinem Nachbarn und du findest das lustig?“
Ilona lächelt noch immer, dann wendet sie ihr Gesicht nach links und streicht mit einer anmutigen Handbewegung durch ihr Haar.
Ich betrachte Ilonas Kopf, und dann sehe ich sie. „Hast du neue Ohren?“
„Oh. Ja. Schön, nicht wahr? Es freut mich, dass sie dir aufgefallen sind. Ich habe sie bei BOLLA gekauft, die gab’s letzte Woche im Angebot.“
„Ja, sehr schön“, brumme ich und bin eingeschnappt. Die hätte sie von mir auch haben können, schöner und strapazierfähiger als dieses Supermarkt-Angebot. Ilona hat bemerkt, dass ich sauer bin, entschuldigend fügt sie hinzu: „Es war ein Spontankauf. Ich musste sie einfach haben. Das nächste Mal kaufe ich sie bei dir.“ Ilona hat noch nie etwas bei mir gekauft, weder Ohren noch Hände noch Beine noch Busen. Sollen sie dir doch abfallen, deine BOLLA-Ohren, denke ich.
Ilona kramt im oberen Kastenfach und befördert eine angebrochene Zehner-Packung Hände sowie einen original verpackten Karton Finger hervor. „Möchtest du vielleicht die haben?“ Sie streckt mir die beiden Schachteln entgegen. Ich lehne dankend ab. Ein kurzer Blick auf die Etiketten zeigt mir: Das Haltbarkeitsdatum ist seit drei Monaten abgelaufen, und schließlich betreibe ich keinen Gnadenhof. Natürlich tun mir diese armen Kreaturen Leid, müssen sie doch den Großteil ihrer Existenz im geschlossenen Schrank verbringen, ohne Frischluft, ohne natürlichem Licht. Auch wenn noch etwas Leben in diesen Körperteilen steckt, mein Kennerinnenblick weiß: Über kurz oder lang werden sie ihre unglückliche Existenz aushauchen. Die meisten überleben nicht einmal die laufende Saison, für die sie entworfen wurden; und dann ab in den Müll – im besten Fall in die Komposttonne.
Ilona ist nicht die einzige, die den Körperteilen ein liebloses Dasein bietet. Wie oft waren wir uns deswegen schon in die Haare geraten. Und nun scheint sich abermals ein Konflikt anzukündigen, ich erkenne die Anzeichen dafür an Ilonas wie beiläufig hingehauchtem Satz: „Weißt du, dein Einsatz für eine natürliche Haltung ist eh nett, irgendwie.“ Aha. Eh, nett, irgendwie. Ilonas Killerworte, die übersetzt bedeuten: Du bist plem plem. Somit ist Ilonas Feldzug gegen mich eröffnet, weil ich ihren alten Busen und ihren anderen Anatomie-Schrott nicht haben will. „Du musst aber zugeben, dass die industrielle Herstellung von Körperteilen, und speziell dieser Instant-Produkte, wesentlich kostengünstiger ist als dein Bio-Zeugs.“
„Warum erzählst du mir das alles? Außerdem habe …“
Ilona denkt gar nicht daran, sich mit Erklärungen aufzuhalten. „Du bist doch immer diejenige, die Leistbarkeit von allem für alle fordert.“ Wir schlittern wieder einmal in eine fruchtlose Auseinandersetzung „Schöner ist die Industrie-Ware übrigens auch“, stichelt sie weiter, „was ein Anreiz sein sollte, dich mehr anzustrengen, sonst bleibst du ewig auf deinen Körperteilen sitzen.“ Sie kichert blöd.
„Soso, schöner sind die also. Bitte, dann kauf dir deinen Instant-Popo weiterhin im Supermarkt und lass ihn im Karton scheppern. Es ist ja auch sehr appetitlich, wenn dir ein sprühgetrocknetes Etwas entgegenkullert. Ein Hintern, der nach dem Zubereiten aussieht wie ein zu weich gekochter Germknödel.“
„Das ist nicht wahr!“, schreit Ilona und nestelt hinten an ihrer Hose.
„Doch, das weißt du ganz genau“, kontere ich wacker. „Nimm doch mal die Füße. Wie sehen die denn immer aus, nachdem du sie, laut Anleitung!, mit kochendem Wasser übergossen hast und sie anschließend fünfzehn Minuten im eigenen Saft ziehen hast lassen?“ Ilona blickt auf ihre großen Plüschpatschen, dabei komme ich so richtig in Fahrt. „Jedenfalls nicht so wie auf der Packung abgebildet. Noch schlimmer, sie ähneln diesem Bild nicht einmal. Vielmehr gleichen sie Gummilatschen, die zu lange in der Sonne gestanden sind – weich und quadratisch.“ Zur Unterstreichung dieser Ausführung zeige ich auf ihre Füße. Für einen kurzen Moment bleibt Ilona die Luft weg. aber schon kommt ihr Lieblingsargument: „Du bist nur neidisch, weil deine artgerecht gehaltenen Dinger dermaßen hässlich sind, dass sich keine Abnehmerin findet.“
„Das stimmt nicht! Ich habe bereits drei Paar Hände, ein Paar Beine und einen Bauch verkauft.“
„Aber auf deinen Brüsten bist du sitzen geblieben. Ich wette“, setzt sie boshaft fort, „diesen onanierenden Nachbarn gibt es gar nicht und du hast die Geschichte nur erfunden, um deine ordinären Wabbelbrüste interessant zu machen.“
Das Argument ist neu. Das sitzt. Ich denke an meine Lieblinge. An die Füße, wie sie fröhlich und ausgelassen im Garten auf ihrem Stück Samt herumtollen, die Hände, die hingebungsvoll auf der Kinderorgel klassische Musik spielen, die Brüste, die sich genüsslich in köstlich duftendem Öl in der kleinen Zink-Wanne räkeln.
Wabbelbrüste – diese Bemerkung kränkt mich und beleidigt meine Arbeit. Lass dich nicht provozieren, ermahne ich mich im Stillen. Ich atme zweimal tief durch und versuche es mit Objektivität. „Aber meine sind strapazierfähiger und halten länger.“
Ilona verdreht die Augen. „Fällt dir nichts Neues ein? Du mit deinem Haltbarkeitsdatum. Mir reicht es, wenn es die neuen Füße eine Saison lang tun. Danach will doch eh keine mehr dieselben tragen.“
Meine Ermahnung von vorhin ist vergessen, Ilonas letzte Bemerkung treibt mich zur Weißglut. Ich denke an diese Anatomie aus dem Labor, künstlich hochgezüchtet mit billiger Nährlösung. Eine der Folgen: Schon bei minus zwei Grad sind diese Dinger völlig unbrauchbar, weil sie brüchig werden. Immer wieder ist von Leuten zu hören, denen zum Beispiel der Arsch wegbröselt, wenn sie im Winter in die Büsche pinkeln. Bei Temperaturen über fünfundzwanzig Grad plus verwandeln sich viele dieser überzüchteten Körperteile in Matsch – mein Blick auf Ilonas ziemlich große Plüschpatschen erhärtet meinen Verdacht, dass sie zur Zeit recht breit- und weichfüßig unterwegs ist. Ich glaube nicht, dass du es auf diesen Latschen bis zum Saison-Ende schaffen wirst, denke ich gehässig, wie überhaupt viele deiner Füße, Hände, Arme, Beine und all deine anderen Ersatzteile schon vor dem Ablaufdatum verstorben sind. Wahrscheinlich kaufst du deswegen haufenweise diese `nimm-3-zahl-2- Angebote´. Und da kommt eine wie du und bezeichnet meine liebevollen, lebenslustigen, widerstandsfähigen Brüste als ordinär und wabbelig? Seit drei Jahren beschäftige ich mich mit der Züchtung und artgerechten Haltung von Körperteilen, um ihnen ein würdiges Dasein zu bieten und den Frauen ein Stück natürlicher Schönheit zurückzugeben. Das lasse ich mir von dir nicht madig machen.
„Und deine Ohren sehen scheiße aus!“, hole ich zum finalen Schlag aus. Es ist deren schlampige Verwachsung mit Ilonas eigenen Ohren, die mein Missfallen erregt. Dass es tatsächlich ihre eigenen sind, bezweifle ich. Vermutlich trägt sie schon ein Dutzend Schichten Instant-Lauscher. Damit hätte sie auf alle Fälle ihr persönliches Erneuerungslimit überschritten. Tatsache ist, Ilonas Gewebe wurde von den neuen Ohren nicht vollständig absorbiert, das linke Ohrläppchen zeigt feine Risse …

Zwei Wochen später erreicht mich ein Anruf von Hildegard. „Es ist etwas ganz Schreckliches …“, sie schnäuzt sich kräftig, „etwas ganz Furchtbares ist passiert.“ Völlig aufgelöst erzählt sie mir, dass Ilona am Vorabend in alle ihre Einzelteile zerfallen ist. „Es war ein so schöner Abend. Wir hatten uns mit ein paar Frauen bei mir zu einer Body-Party getroffen, um die neuesten Produkte kennen zu lernen. Plötzlich begann Ilonas linkes Ohrläppchen zu zittern und fiel ab. Einfach so. Innerhalb weniger Minuten war sie vollkommen auseinandergefallen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erschrocken wir waren. Es gelang uns trotzdem, Ilona behutsam zusammenzuklauben und in eine Decke zu wickeln. Sie liegt nun bei mir auf dem Sofa. Was soll ich nur tun? Möchtest du sie nicht haben?“

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