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Einfluss des Geschlechts auf Gesundheitskonzepte

Sind Frauen tatsächlich das kränkere Geschlecht?

© Petra Öllinger
(erschienen in Psychologie in Österreich, Wiener Universitätsverlag, Wien, 2000)

Zusammenfassung:

Warnung des Gesundheitsministers: Frau sein kann Ihre Gesundheit gefährden! Was hier als zynischer Ratschlag erscheint, ist für viele Realität. Verhalten und körperliches Befinden wurden und werden bei Frauen öfter pathologisiert als bei Männern. Dabei ungeachtet bleiben die Lebensstile von Frauen, die sich in vielen Punkten von denen der Männer unterscheiden. Einen wichtigen Aspekt nimmt hier speziell der Reproduktionsbereich ein. Aus der Diskussion um verschiedene Lebensgestaltungen ergibt sich die Forderung: Um gesundheitliche Präventivmaßnahmen gestalten zu können, ist es unumgänglich, diese spezifischen Bereiche in Konzeptionen aufzunehmen.

1. Einleitung

70% aller Antidepressiva werden an Frauen verschrieben. Frauen sind öfter krank als Männer. Frauen sind anders krank als Männer. Solche und ähnliche Feststellungen werfen für mich immer wieder folgende Fragen auf: Sind Frauen tatsächlich kränker als die Männer? Warum werden körperliche Beschwerden bei Frauen eher psychologisiert und bei Männern als hard facts bezeichnet und auch dementsprechend behandelt? Bedeutet Frau-sein weniger gesund sein? Die Suche nach Antworten darauf gestaltet sich als spannend, haben doch die Arbeiten zum Beispiel von Ingrid Olbricht, Margrit Brückner, Rosemarie Klesse, Carol Hageman-White, Sabine Scheffler und der vielen anderen Frauen die Sensibilität erhöht für oben zititerte Argumente. Betroffenheit und auch Ärger machen sich in mir noch immer breit, oder auch eben deswegen, weil ich mich mit der Problematik des Geschlechtsunterschiede in Gesundheitskonzepten auseinandersetze, daß es scheinbar zusammengehört, ein weibliches Wesen zu sein und gleichzeitig pathologische oder potentiell pathologische Verhaltensweisen zu zeigen. Die Normausrichtung eines gesunden und richtigen Verhaltens im westlichen Kulturkreis gilt nach wie vor am weißen, jungen, gebildeten, flexiblen Mittelklassemann; sachorientiert, dominierend, objektiv, rational, stabil, kraftvoll. Wie die Studie von Broverman (1970) zeigte, werden die Urteile in der Psychopathologie stark beeinflußt von den Geschlechtsrollen-Stereotypien. Frauen, die also eigentlich psychisch gesund sind, weichen von diesem Schema ab. Ihre spezifischen Verhaltensweisen und Erfahrungen werden entweder ignoriert oder als abnorm bezeichnet. D.h., daß eine psychisch gesunde Frau einem neurotischen Mann gleichgesetzt wird. Typisch weiblich Eigenschaften wie Warmherzigkeit, Einfühlsamkeit, Passivität, Emotionalität , leichte Beeinflußbarkeit weisen eine Nähe zu depressiven Symptomen auf. Unterschiedlichkeit wird nicht gleichgesetzt mit Einander-Ergänzend, der weibliche Teil wird als minderwertiger angesehen. Werden aber nun die Teile eines Gegensatzpaares bewertet, kommt dem einen Teil ein großer Wert, dem anderen eine Abwertung zu (Olbricht, 1996, S. 18). Wir sind es gewöhnt, vielfach in gegensätzlichen Klassen zu denken (hell-dunkel, oben-unten), da sie zum Beispiel Entscheidungsprozesse erleichtern können, jedoch dürfen wir nicht dem Fehler unterliegen, dabei das Gegenteil abzuwerten, es soll eigentlich der besseren Unterscheidung dienen.

2. Heißt anders sein, kränker sein?

Den Aspekt, daß Geschlechtsunterschiede mit Diskriminierung gleichgesetzt werden, greifen Brähler und Felder auch in ihrem Artikel auf. Sie führen zwei Perspektiven an, die der Forschung nach geschlechtsbezogenen Krankheitsbildern innewohnen.

  1. Die Suche nach quantitativen Unterschieden, also nach dem mehr und weniger. Ob tatsächlich im Untersuchungsvorgehen immer die Vorstellung impliziert ist, daß Frauen- und Männerkörper ähnlich auf Veränderungen reagieren, bleibt für mich zweifelhaft. Werden doch Frauen als klagsamer beschrieben, sie nehmen häufiger medizinische Betreuung in Anspruch und bekommen mehr Medikamente verschrieben (Maschewsky-Schneider, Klesse und Sonntag, 1982).
    Bedeuten diese Umstände aber tatsächlich, daß Frauen weniger gesund sind? Es wird der positive Aspekt übersehen, daß Frauen eventuell schneller und genauer auf Änderungen ihres Wohlbefindens reagieren. Wer sofort oder dauernd zum Arzt rennt, muß nicht unbedingt klagender sein, es kann auch bedeuten, daß frau besser auf sich achtet und bewußter und sorgfältiger mit ihrem Körper umgeht. Häufig sind es auch die Frauen, die ihre Männer und Kinder pflegen, wenn diese erkrankt sind, während sie selbst diese Hilfe und Unterstützung, zumindest nicht im gleichen Ausmaß, in Anspruch nehmen können.
  2. Die Suche nach qualitativen Unterschieden, dem anders – krank – sein. Es wird also von einer Verschiedenartigkeit krankhafter Veränderungen bei Frauen und Männern ausgegangen. Wie schon zu Beginn erwähnt, werden körperliche Beschwerden bei Frauen eher psychologisiert, während Männern organische Ursachen zugeschrieben werden. Könnte es also nicht auch sein, daß die höhere Klagsamkeit bei Frauen methodischen Artefakten zugeschrieben werden kann? Maschewsky-Schneider, Sonntag und Klesse versuchen in ihrem Artikel Das Frauenbild in der Prävention – Psychologisierung der weiblichen Gesundheit? diese Frage zu beantworten. Es scheint so, als würden in den Meßinstrumenten zur Erfassung von Beschwerden Maßstäbe an weiblichen Krankheitsbildern von psychischen bzw. psychosomatischen Störungen gelegt werden. Männliche Verhaltensweisen wie Aggressionen oder Ärger tauchten hingegen nicht als Beschwerden auf. Die Autorinnen haben die Beschwerdeliste nach Zerssen (aus dem Nationalen Untersuchungssurvey der Deutschen Herz-Kreislauf-Präventionsstudie 1984-1986 für 25-69jährige) dahingehend sortiert, welche Leiden von Frauen im Verhältnis zu Männern besonders oft genannt wurden. Scheinbar gibt es, laut ihrer Untersuchung, eher weibliche (psychische definierte) und eher männliche (organfixierte) Beschwerdensyndrome. Auch die Sozialisation von Männern hat Einfluß auf die rationale Darstellung der Störungen. Über Gefühle zu sprechen ist unmännlich, körperliches Unbehagen gilt es auszuhalten.

2.1 Unterschiedliche Diagnose / gleiche Symptomatik bei Frauen und Männern

Nicht nur das Geschlecht der Patienten hat einen Einfluß auf die Diagnose. Wichtig erscheint es auch zu erwähnen, daß es einen Unterschied in der Diagnose macht, ob sie von einer Ärztin oder einem Arzt gestellt wird, weil hier deren Vorstellungen von Frauen und Männern mitspielen. Männliche Ärzte machen zum Beispiel bei der Diagnose Kopfschmerz keinen Geschlechtsunterschied. Weibliche Ärzte hingegen diagnostizieren Männer in 8% der Fälle Kopfschmerz als psychogen und bei Frauen in 36% der Fälle (Stephens, 1977, zitiert nach Brähler und Felder, 1982). Genannte Beschwerden, die sich auf die weiblichen Reproduktionsfunktionen beziehen, werden von Ärztinnen/Ärzten eher als psychogen beurteilt. Mangelndes Wissen der Ärzte, fehlende Ausbildung in Interviewtechniken, um die wahren Gründe zu erfahren, fehlende Zeit, sind mitunter Ursachen, warum es zu solchen Verzerrungen kommt. Männliche Patienten benennen im Gespräch meistens die Fakten und beziehen emotionale Gründe nicht mit ein. Frauen werden mit emotionalen Problemen wahrgenommen, weil sie eher zur expressiven Artikulation ihrer Beschwerden neigen. Männern fällt es (nach wie vor) meistens schwer(er), über ihre Gefühle zu sprechen. Ein zusätzliches Hindernis wird auftreten, wenn sie eine Ärztin konsultieren. Es mag für sie leichter sein, von einem Mann untersucht zu werden als von einer Frau. Themen, die tiefer gehen und sich nicht nur auf den Körper beziehen, werden weniger leicht zum Ausdruck gebracht.Für mich taucht hier wieder eine kürzliche geführte Diskussion zum Thema Gynäkologen auf. Hier verhält es sich umgekehrt: Frauen werden (meistens) von Männern auf einem frauenspezifischen Gebiet untersucht. Studienkolleginnen meinen, sie hätten oft das Gefühl, ihre Selbstbestimmung im Wartezimmer abzugeben. Darauf soll noch etwas genauer im folgenden Kapitel über biologische Gründe eingegangen werden.

3. Biologische Ursachen und Reproduktion

Frauen und Männer haben unterschiedliche Aufgaben im Reproduktionsbereich, wodurch sich auch verschiedene Störungen und Krankheitsbilder in den Lebensabschnitten ergeben. Jedoch erscheint die weibliche Physiologie als pathogen. Nach wie vor werden Menstruation, (mögliche) Schwangerschaft, Klimakterium als behandlungsbedürftig dargestellt und in den medizinischen kurierenden Bereich gelegt. Jede dieser Phasen wird als unangenehm, nicht ganz normal und v.a. nicht als Natürlichkeit in der Biographie jeder Frau angenommen. Ein Blick in die Bücherregale mancher Läden, in diverse Frauenzeitschriften, den Umgang mit dem Thema in der Werbung verdeutlicht mir immer wieder, daß Frau-sein wohl nicht ganz der Normalität entspricht.

Interessanterweise scheint ein Wechselspiel zu bestehen zwischen der Unsicherheit vieler Frauen hinsichtlich ihrer eigenen körperlichen Bedürfnisse und Funktionen und der Macht der vorwiegend männlichen Ärzte. Ein Anzeigetext für eine Hormonbehandlung für die Wechseljahre enthielt folgende Aussage: Man muß sie (die Wechseljahre, Anmerkung der Verfasserin) nicht schicksalhaft hinnehmen, denn man kennt vielfach die Ursachen, kann den Hormonhaushalt ausgleichen und die damit verbundenen störenden Symptome relativ einfach beseitigen. Die Wechseljahre müssen als kein Verlust der Lebensqualität sein. Ich denke, hier erübrigt sich jeder Kommentar. Das bereits oben erwähnte unangenehme Gefühl, die eigenen Kompetenz im Wartezimmer abzugeben, scheint die machtvolle Position noch zu erhöhen. Wie kann frau sich selbstbewußt und adäquat zur Wehr setzen, wenn zum Beispiel ungerechtfertigte Ängste geschürt werden, wenn den Frauen das Wissen und die nötigen Informationen fehlen? So wundert es nicht, daß Frauen zum Beispiel die Geburt so erleben, als wären sie eine Maschine, die eben ausführt, was der Arzt sagt. Ich führte kürzlich ein Gespräch mit einer ehemaligen Hebamme, die ebenfalls in den Jahren ihrer Tätigkeit oftmals die Beobachtung machte, daß Frauen, sobald sie wußten sie sind schwanger, sich blindlings in die Hände des Arztes begaben. Ein Äquivalent des Gynäkologen für den Mann gibt es nicht. Es existiert kein medizinischer Bereich, der sich mit dem Mann-sein hinsichtlich körperlicher und sexueller Funktionen an sich beschäftigt. Zwar haben sich Spezialisierungen seitens der Urologie und der Andrologie herausgebildet, jedoch wurde nie das Ausmaß an speziellen Gesundheitschecks und Vorsorgeuntersuchungen wie das des gynäkologischen Bereiches erreicht.

Reproduktionsfähigkeit hat bei Männern nicht die Bedeutung wie bei Frauen. Zwar erscheint es trivial, daß dieser Bereich Frauen mehr betrifft (zumindest körperlich), schließlich sind sie es, die neun Monate schwanger sind, das Kind gebären usw., jedoch verwundert es immer wieder, daß diese eigentlich positiven Fähigkeiten negativ bewertet und pathologisiert werden. Weiters darf nicht übersehen werden, daß die Möglichkeit, schwanger zu werden und dann tatsächlich auch Kinder zu bekommen, für Frauen auch in sozialer, beruflicher und finanzieller Hinsicht zum Nachteil gereicht. Ingrid Olbricht bietet in ihrem Buch Was Frauen krank macht eine sehr aufschlußreiche Darstellung der verschiedenen Abschnitte, von der Menarche bis zum hohen Alter im Leben einer Frau, die auch mit körperlichen Veränderungen verbunden sind. Dabei werden auch Themen wie Vergewaltigung und andere körperliche/psychische Gewalttätigkeiten, denen Frauen nun einmal eher ausgesetzt sind als Männer, behandelt. Brigitte Schmid-Siegel und Karin Gutiererrez-Lobos weisen in ihrer Arbeit Überlegungen zur psychischen Gesundheit von Frauen in dem Buch Körper, Geschlecht, Geschichte darauf hin, daß bei Frauen ihre psychischen Dysfunktionen von jeher mit ihrer Biologie erklärt wurden (S. 250).

Psychische Symptome bei Frauen wurden bis zum 19. Jh. auf den reproduktiven Apparat und seine Zyklen, einen generell schwächeren Nervenapparat und moralische Schwäche zurückgeführt, sie seien daher von Natur aus weniger gesund und für Krankheiten anfälliger. Erste Anzeichen eines bevorstehenden Nervenzusammenbruches wurden in der Vernachlässigung der Hausarbeit gesehen. Als Therapie wurden Hysterektomie, Clitorisektomie und Ovarektomie sowie die Konzentration auf weibliche Tugenden (Ruhe, Passivität, Religion) empfohlen. (S. 250)

Weiter unten erwähnen sie, daß das Bild einer Frau bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausschließlich von ihrer reproduktiven Aufgabe bestimmt wurde. … in ihrer sexuellen, kreativen Potenz jedoch geleugnet und verdammt wird. Verrückt-heilig (S. 250). Und auch heute noch scheint dieses Bild das Verständnis von Geschlechterdifferenzen zu prägen. Elisabeth Mixa beschäftigte sich mit dem Thema Frauen in der Wiener Anstaltspsychiatrie im 19. Jahrhunderts. Ihr Beitrag im vorhin genannten Buch mit dem Titel Tolle, tobende Weiber (S.96 -115) beruht auf Studien über die Geschlechterordnung in den Wiener Irrenanstalten und stellt dar, auf welche Art und Weise und warum Frauen in Irrenanstalten landeten, die nicht dem gängigen Rollenbild entsprachen, sondern versuchten, nach ihren eigenen Bedürfnisse zu leben: In einer Statistik aus der Mitte des 19. Jahrhunderts liest man: Konzentriert um die drei Diagnoseformen Tobsucht (33%), Verwirrtheit (28%), Trübsinn (22%)‚ erklären akute und chronische Hirnkrankheiten (zuvor -leiden), dem Nervensystem zugerechnet, der excedirende Geschlechtstrieb sowie Uterus-Functions-Störungen bzw. Menstruationsanomalien (so die erfolgte weitere Differenzierung) vorrangig den ‚weiblichen Wahnsinn‘.(S. 111). Menstruationsanomalien; ein Stichwort, daß in mir immer wieder die Frage auftauchen läßt, sind die Frauen tatsächlich so gravierend beeinflußt durch ihre Menstruation, erleben sie sich tatsächlich negativer, sind sie eingeschränkter, weniger brauchbar und leistungsfähiger oder sind diese Empfindungen nicht wieder das Resultat von äußeren Zuschreibungen. Wirkt sich PMS (Prämenstruelles Syndrom) wirklich so negativ auf Frauen aus, daß es als eigene Störung im DSMIII-R klassifiziert werden muß? Hormonelle Schwankungen als Einflußvariable für das Wohlbefinden mögen durchaus berechtigt sein, daß sie aber nicht mit der schönen zyklischen Regelmäßigkeit auftreten und nicht als alleiniger Grund für Stimmungsschwankungen und körperliches Mißbehagen angeführt werden können, soll zumindest als kritischer Punkt angeführt werden. In Diskussionen mit Kolleginnen tauchte der interessante Aspekt auf, daß es für Frauen auch eine Erleichterung darstellen kann, die Ursache für Unbehagen einem körperlichen Symptom zuzuschreiben und die eigene Verantwortlichkeit etwas abzuschieben…. In einer Frauenzeitschrift fand ich vor kurzem einen interessanten Tip wie frau sich während ihrer PMS-Phase verhalten soll: Schwierige Verhandlungen: Ein ernstes Wort mit dem Partner oder die Gehaltsverhandlung mit dem Chef – Vorsicht, das kann schiefgehen, wenn man während der PMS-Tage besonders reizbar ist oder nahe am Wasser gebaut hat. Also, die Frau als unberechenbares schreiendes oder heulendes Wesen, das während dieser Zeit sich lieber zurückhalten soll, da sie anscheinend nicht ganz zurechnungsfähig ist. Vielleicht setzt ein Umdenken ein bei den Frauen, wenn sie ihre sogenannte stimmungsmäßige Labilität als Flexibilität wahrnehmen?

4. Soziale Faktoren und Bewältigungsstrategien

Um Gesundheitskonzepte für Frauen zu entwickeln, ist es notwendig, ihr soziales und kulturelles Umfeld genauer zu analysieren und miteinzubeziehen. Zur Herstellung von Gesundheit reicht es nicht aus, negative Faktoren zu eliminieren, sondern auch den positiven Kräften mehr Raum zu bieten. Die Aussage Nicht Emanzipation macht psychisch krank, sondern die Umstände, unter denen sie stattfindet und unter denen Frauen ihre Ansprüche auf Autonomie und selbstbestimmtes Leben durchsetzen müssen (Schmid-Siegel und Gutierrez-Lobos, 1996, S. 248), bringt diese Forderung auf den Punkt. Sogenannte neurotische oder kranke Verhaltensweisen sind oft auch coping-Strategien, Möglichkeiten mit belastenden Faktoren umzugehen. Dazu gehören zum Beispiel Probleme in einer Partnerschaft; aber auch in keiner Partnerschaft zu leben kann als belastend erfahren werden, gewalttätige Beziehungen, Schwierigkeiten mit den Kindern aber auch Kinderlosigkeit, niedriges Einkommen, Mehrfachbelastung durch Beruf, Haushalt, Familie. Männer erhalten über zwei Bereiche, ihrer Familie und Arbeit, Anerkennung, für Frauen ist dies schon viel schwieriger. Nach wie vor arbeiten Frauen in schlechter bezahlten und niedrigeren Positionen, die Situation hat sich sogar in den letzten Jahren noch drastischer verschlechtert. Oft ist es eben aus familiären Gründen nicht anders möglich, als Teilzeitjobs anzunehmen, die meistens keine ausreichenden sozialen Absicherungen wie zum Beispiel Versicherung bieten. Die Problematik des Wiedereinstiegs nach der Karenzzeit wurde schon früher angeschnitten. Optimismus, daß Frauen also nun alle Türen offen stünden ist ganz und gar nicht angebracht, im Gegenteil, meine Tätigkeit im Beratungsbereich von arbeitsuchenden Frauen führte mir immer sehr deutlich vor Augen, daß die angeblichen Verbesserungen leider stagnieren.

Bezüglich der Bewältigungsstrategien bieten Klesse, Sonntag und Maschewksy-Schneider in ihrem Artikel (S. 130ff.) interessante Hinweise. Sie gingen im Rahmen einer Untersuchung der Klagsamkeitsorientierung nach. Ich möchte hier keine zu ausführliche Darstellung des Untersuchungsaufbaus, der Methoden usw. geben, sondern versuchen, kurz einen Zusammenhang zu praktischen Erfahrungen herzustellen. Die Autorinnen sind im Rahmen eines qualitativen Forschungsprojektes zum Gesundheitshandeln von Frauen der Klagsamkeitsthese bzw. Durchhaltestrategien nachgegangen. Sie verwendeten dabei keine standardisierten Meßinstrumente, sondern sie führten mit 65 Frauen auf der Basis eines thematisch strukturierten Leitfadens offene qualitative Interviews durch. Die interviewten Frauen stammten aus sozial benachteiligten Schichten, viele hatten keine Berufsausbildung, kamen aus sozial schlechter gestellten Herkunftsfamilien, viele hatten früh geheiratet, lebten von Sozialhilfe und zum Teil auch unter schlechten Bedingungen, hatten viele Kinder.

Folgende Aspekte wurde hier besonders beachtet

  • Gesellschaftliche Benachteiligungen, die Gesundheit von Frauen verhindern bzw. behindern;
  • Alltagskonzepte von Frau über und von Gesundheit;
  • Biographien und Lebenserfahrung der Frauen, die die o.g. Konzepte beeinflussen;
  • Der Blick wurde gerichtet auf Frauen, die sozial eher benachteiligt sind.

Weiters wurden noch die folgenden Indikatoren miteinbezogen

  • Lebenszufriedenheit bzw. Lebensunzufriedenheit;
  • Beschwerden;
  • Gesundheitshandeln;
  • Belastungsindex;
  • Körperwahrnehmung.

Die Analyse ergab, daß extreme Klagsamkeitsorientierung bei den Frauen nur selten vorkam. Von 43 unter diesen Prämissen ausgewerteten Interviews zeigten nur 6 Frauen diese Haltung, während 20 Frauen Durchhaltestrategien aufwiesen, 17 Frauen gehörten zu einem von den Autorinnen als Mischgruppe definierten Cluster.

Die Frauen der Klagsamkeitsgruppe waren weniger erwerbstätig, weniger objektiv belastet, sie waren zufriedener mit ihrem Leben, sie zeigten jedoch mehr Beschwerden und hatten eine sehr stark ausgebildete Körperwahrnehmung. Bezüglich des Gesundheitshandelns waren sie schwer zuzuordnen, obwohl viele von ihnen auf der einen Seite psychische und körperliche Gewalt sehr bewußt erlebten, jedoch auf der anderen Seite keine Veränderung in Richtung mehr Gesundheit zeigten. In ihrer Ursprungsfamilie erlebten einige von ihnen schwere Krankheiten von anderen Familienangehörigen, ohne darauf Einfluß nehmen zu können. Andere Frauen sind verwöhnt worden. Auffallend erscheint den Autorinnen, daß diese Frauen sich in ihrer jetzigen Familie ähnlich unveränderbar fühlten. In der Durchhaltegruppe war die Hälfte der Frauen erwerbstätig, die Belastung war hoch und nur wenige waren mit ihrem Leben zufrieden. Sie mußten trotz körperlicher Einschränkungen und Beschwerden durchhalten, Körpersignale wurden von ihnen weniger wahrgenommen. Sie waren als Partnerin, Mutter, Berufstätige dauernd gefordert, konnten sich nicht gehen lassen. Obwohl ihr Gesundheitshandeln unterentwickelt war, da sie körperliche und psychische Störungen ja aus den genannten Gründen nicht bewußt erlebten, war eine Veränderungsbereitschaft da. Die meisten dieser Frauen berichteten von einer schlimmen Kindheit, sexuellem Mißbrauch, Prügel. Durchhaltevermögen war für sie also eine Überlebensstrategie. Die Frauen der Misch- oder Mittelgruppe waren zwar ebenfalls häufig berufstätig, sie hatten aber weniger Belastungen zu ertragen und auch ihre Lebenszufriedenheit war höher. Sie hatten auch weniger Beschwerden, ihre Körperwahrnehmung und ihr Gesundheitshandeln waren hoch. Diese Frauen wurden von den Autorinnen auch als gesund bezeichnet.

Zu der letztgenannten Gruppe ist es wichtig festzustellen, daß das Wissen, daß frau selbst Einfluß auf das Geschehen hat und eventuelle Veränderungen auch selbst durchführen kann, das eigene Wohlbefinden erhöhen kann. Die Frauen in der Mischgruppe reagierten in Belastungssituationen weder ausschließlich auf der körperlichen noch auf der psychischen/emotionalen Ebene. Sie schienen ein gesundes Mittelmaß gefunden zu haben zwischen Wahrnehmen von Befinden und Unbehagen, dem Sprechen darüber und tatkräftigem Agieren. Die Lebensgeschichten dieser Frauen zeigten, daß einige von ihnen eine glückliche Kindheit hatten, in der niemand krank war, andere wiederum entwickelten sich aus den extremen Gruppen der Durchhalte- oder Klagsamkeitsorientierung. Schlußendlich hatten sie gelernt, mehr auf sich acht zu geben. Für mich liegt die Quintessenz der Untersuchung darin, daß Durchhalten und Klagen Ausdruck von gesundheitsschädlichem Handeln sind, deren Wurzeln aber in Erfahrungen in der Kindheit liegen. Entweder die Frauen leisten bis zur Erschöpfung, um sich ja nicht unterkriegen zu lassen oder sie leiden unter Angst und Abhängigkeit. Es scheint aber eine wesentlich gesündere Haltung zu sein, beide Strategien, nämlich die Wahrnehmung und das aktive Ändern, miteinander zu verbinden, ohne bei einer zu verharren. Diese Fähigkeit aber erfordert Selbstbestimmung, Selbstbewußtsein und auch positive Unterstützung von seiten der Umwelt.

5. Resümee

Gesundheitsfördernde Konzepte zu entwerfen bedeutet, auch die traditionell übernommenen Werte und Normen der Geschlechter zu hinterfragen und kritisch zu beleuchten. Unterschiedlichkeit soll nicht mit (Be-)Wertung gleichgesetzt werden, sondern einen Anstoß dazu bieten, daß auf frauenspezifische Fragestellungen genauer und besser eingegangen wird. Frauen sollte ermöglicht werden bzw. sie selbst sollten es sich ermöglichen und auch gestatten, mehr Wissen und Informationen über ihren Körper, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu erhalten. Somit können Unsicherheiten verringert werden, und es besteht für viele Frauen die Chance, nicht mehr so schnell in die pathologische Ecke gedrängt zu werden. Wichtig ist es, die Frauen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Kompetenzen zu entwickeln und so ihre Lebenssituationen besser bewältigen zu können. Frauenspezifische Förderung soll aber auch stattfinden in bezug auf soziale und berufliche Aspekte, um die Umstände zu ändern und zu verbessern, die ein gesundes Frau-sein erschweren oder gänzlich unmöglich machen.

6. Literaturverzeichnis

Brähler, E. & Felder, H. (Hrsg.). (1992). Weiblichkeit, Männlichkeit, Gesundheit.
Opladen: Westdeutscher Verlag.

Mixa, E., Malleier, E., Springer-Kremser, M. & Birkhan, I. (Hrsg.). (1996).
Körper – Geschlecht – Geschichte. Historische und aktuelle Debatten in der Medizin.
Innsbruck: STUDIEN-Verlag.

Olbricht, I. (1996). Was Frauen krank macht. Der Einfluß der Seele auf die Gesundheit der Frau. München: Goldmann-Verlag.

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