Herzlich Willkommen
in Petra Öllingers virtueller Wohnung
1. Literaturpreis “Der Duft des Doppelpunktes” – 1. bis 3. Preis
Andreas Montalvo – Biographie
Andreas Montalvo – Die Abmachung
Hildegard Kaluza – Biographie
Hildegard Kaluza – Be-Hinderung
Die Gewinnerin des 3. Preises hat ihren Text zurückgezogen und ist auf eigenen Wunsch aus dem Wettbewerb ausgeschieden.
Jahrgang 1974, Österreicher. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Mexiko Wirtschaftsstudium in Wien absolviert. Liebe zur Literatur und zum Schreiben sowohl auf deutsch als auch auf spanisch.
Einzelne Veröffentlichungen von Lyrik- und Kurzprosatexten in verschiedenen deutsch- und spanischssprachigen Anthologien. Lebt und arbeitet in Barcelona.
Andreas Montalvo – Die Abmachung
Es dämmert. Lichter beginnen zu funkeln, Ampeln wechseln von Rot auf Grün und wieder auf Rot. Schnaubende Autos rasen,hupen, bremsen, stehen. Menschenmassen warten, schauen, plaudern, rennen. Alte Leute mit Stock, junge mit Einkaufstaschen, Frauen, die Rauchen, Männer, die Kinder an der Hand führen. Alle haben es eilig, keiner bemerkt den anderen. Jeder versucht voranzukommen, niemand darf Zeit verlieren, keine Sekunde. Zuhause steht schon das gute Essen auf dem Tisch!
Wer nur kurz an der Kreuzung vorbeikommt, bemerkt sonst nichts. Man fährt weiter oder überquert die Straße, verschwindet im U-Bahn-Eingang. Aber an dieser Kreuzung steht ein Bub, noch keine zehn Jahre alt. Er steht dort seit dem Morgen, fast ständig am gleichen Fleck und bewegt sich kaum weiter als vom Straßenrand bis auf die Mitte des Zebrastreifens und wieder zurück.
Mario wirft Kugeln durch die Luft und fängt sie wieder auf. Sie sind sein Werkzeug, fünf Kugeln mit buntem Papier überklebt. Den Mund hat er weiß bemalt, die Nase rot. Er trägt einen alten Hut, ein schmutziges Hemd und kaputte Turnschuhe.
Wenn die Autos anhalten, stellt sich Mario vor sie und zeigt sein kleines unbedeutendes Schauspiel. Dann geht er schnell von einem Auto zum nächsten und hofft auf ein paar Münzen, seinen alten Hut in der Hand haltend. Die meisten Fenster bleiben geschlossen, oder man tut, als ob man ihn nicht bemerkte. Sobald sie losfahren, muss Mario schnell an den Straßenrand zurück. Er versteckt das Geld in einem Täschchen, das er unter seinem zerfledderten schmutzigen Hemd verwahrt. Mario läuft zur Ampel vor und springt beim nächsten Grün wieder auf den Zebrastreifen, jongliert von neuem. Er scheint nie zu essen, hat nie Durst, muss nie seine Notdurft verrichten. Doch das täuscht. Diese Arbeit braucht seine ganze Konzentration, er kann nicht einmal daran denken, was andere Kinder in seinem Alter tun: Hausaufgaben erledigen, Klavierunterricht nehmen, mit den Freunden auf dem Fahrrad durch die Nachbarschaft fahren oder mit dem Vater ins Kino gehen. Das alles scheint Mario nicht wirklich zu vermissen, weil er es nicht kennt. Doch auch das täuscht.
Mario versucht, so viel Geld wie möglich zu sammeln, um es am Abend nach Hause zu bringen. Seine Eltern sind gut zu ihm, aber sie brauchen das Geld. Wer nicht genug Münzen mitbringt, bekommt nichts zu essen. So ist die Abmachung. Seine Geschwister tun das Gleiche: Alicia singt und Patricio spielt Gitarre. Sie fahren den ganzen Tag mit der U-Bahn oder den Bussen durch die Stadt. Auch sie bringen immer ein paar Münzen mit nach Hause. Nur sein großer Bruder Alberto hat manchmal mehr Geld, was Vater und Mutter aber auch nicht wirklich zu freuen scheint. Sie streiten sehr oft mit Alberto, und er verschwindet dann für mehrere Tage. Die Mutter ist schon alt, sie schüttelt nur den Kopf und sagt, ihr tun die Gelenke weh.
Als die Kirchenglocke in der Nähe neun schlägt, macht sich Mario auf den Weg, so wie jeden Abend. Er muss die U-Bahn nehmen und einige Stationen fahren. Sein Vater wartet dort auf ihn, denn die Gegend ist nicht ganz ungefährlich. Das Ticket ist billig, er kann es sich leisten. Das monotone Rattern des Zuges macht ihn schläfrig. Mario verliert sich, irgendwo in seinem Kopf, irgendwo im Rattern, zwischen Hunger, Erschöpfung und Lebenskampf. Plötzlich schnellt er auf. Ihm wird heiß und kalt zugleich. Er hat seine Station verpaßt! Schließlich hält der Zug endlich, Mario drängt sich aus dem Wagen, läuft die Stufen hoch. Eine Laterne spendet dämmriges Licht. Stille. Hunger und Not machen viele Leute böse. Mario ist allein; er versucht, sich zu orientieren. Sein Geld hat er gut verwahrt. Plötzlich, wie aus dem Nichts, packt man ihn, wirft ihn zu Boden, verdeckt ihm die Augen. Man reißt an ihm, zerrt, greift. Er will schreien, kann nicht. Dann bleibt ihm die Luft weg: Ein Schlag in den Magen. Hastige Schritte, die leiser werden.
Er ist wieder allein. Allmählich steht er auf, nimmt seinen Hut und geht zuerst langsam, dann schneller. Das Geld ist jetzt weg, aber der Hunger bleibt, trotz des Schlags in den Magen. Er putzt sich mit dem zerrissenen Hemd seine Nase und wischt sich die Augen aus.
Allmählich wird es heller, Leute, die rastlos weitergehen und ihn nicht beachten, Autos auf der Straße. Er erkennt die Gegend. Jemand bietet gestohlene Musik für billiges Geld; blaue Planen über den Gehsteig gespannt dienen als Dach, darunter sitzen Indiofrauen, die Selbstgekochtes verkaufen wollen. – Es riecht so gut!
Als Mario den Vater nebem dem U-Bahnaufgang erblickt, läuft er auf ihn zu und drückt sich schluchzend an ihn. Der Vater sieht die Hemdfetzen und die Schrammen und versteht. Mach dir keine Sorgen, mein Sohn. Heute gilt unsere Abmachung nicht. Auch der Vater weint.
Die Ampeln wechseln von Rot auf Grün, schnaubende Autos bremsen, stehen. Menschenmassen warten, rennen, telefonieren. Niemand darf Zeit verlieren, keine Sekunde. Zuhause steht schon das gute Essen auf dem Tisch!
geb. 1958, verheiratet, zwei Söhne.
Seit 1997 bin ich als Wirtschaftswissenschaftlerin in verantwortlicher Stellung im öffentlichen Bereich tätig. Zuvor arbeitete ich im wissenschaftlichen Kontext, war freiberufliche Unternehmensberaterin und leitete als Geschäftsführerin eine Tochterfirma eines Stahlkonzerns. Mein berufliches Engagement habe ich stets mit meiner großen Leidenschaft – dem Schreiben – verbunden, das über die Jahre immer intensiver wurde. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf Erzählungen, in denen ich aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreife. Ich nehme regelmäßig an Lesungen, auch Radiol-Lesungen, teil. Seit über 3 Jahren gehöre ich der Autorengruppe WortReich in Düsseldorf an, die Lesungen in Bibliotheken und an anderen Orten veranstaltet, bei denen ich zahlreiche meiner Erzählungen präsentiert habe.
Übersicht über ausgewählte Aktivitäten Stand Januar 2007.
Teilnahme an Radio-Lesungen:
- In den Jahren 2001 bis 2004 zweimal jährlich Teilnahme an Radio-Lesungen im Lokalfunk
- Radio-Lesung “Die sieben Todsünden” am 29.3.2006 bei Antenne Düsseldorf
Teilnahme an Lesungen der Gruppe Wortreich:
- Todsünden und andere Unzulänglichkeiten (2006) im Bürgerhaus Bilk, Veranstalter die AGB
- Liebes Spiel (2006) in der Bücherei Düsseldorf-Benrath/Orangerie
- Die sieben Todsünden (2005) in der Bücherei Düsseldorf-Benrath/Orangerie
- Magiegeflüster (2004) in der Bücherei Düsseldorf-Benrath/Orangerie;
- Ortsgespräch (2005) bei “PLATZDA!” Sommerauftritt 3 * – Stadtrauminszenierung für Platzkultur in Düsseldorf- Unterbilk im Rahmen von “Kulturelles Friedensplätzchen”·
- Lästermäuler (2004) Beim Literaturtreff “Blaue Stunde” in der Destille, Düsseldorf-Altstadt;
- Literarischer Abend (2001) in der Volkshochschule Düsseldorf
Hildegard Kaluza – Be-Hinderung
Wenn der Bus kommt, muss er strammstehen. Die Beine strecken, den Bauch einziehen, die Arme durchdrücken. Die linke Hand zur Faust geballt und die rechte geöffnet, damit er die Stange greifen kann, um sich hochzuziehen.
“Strammstehen!” ruft Papa, spannt den Körper an und zeigt es ihm. Immer wieder, bis er es kann.
Das Einsteigen muss schnell gehen. Hinter ihm drängeln die anderen.
Britta erwartet ihn schon. Ihr kleines rundes Gesicht strahlt. Unter den dünnen weißblonden Haaren schimmert die rosa Kopfhaut. Auch der Anorak, der eng um die Rundung ihres Bauches gespannt ist und ihr Rock, der sich über ihren dicken kurzen Beinen bauscht, sind rosa.
“Wie eine rosa Schneefrau”, meint Mama.
“Dennis, komm her, komm her!” Ihr molliges Hinterteil hat sie auf die Mitte der Sitzbank platziert und hält so den Platz neben sich frei.
“Britta, gleich”, ruft er ihr zu, aber es dauert, bis er bei ihr ist. Sein Oberkörper schaukelt im Rhythmus der Fahrt, er kann die Spannung kaum halten.
“Geh wie ein Roboter”, sagt Papa und geht steif durch den Raum, bis Dennis versteht, wie es funktioniert.
“Hallo”, seufzt er und lässt sich auf den Sitz fallen.
“H, Ha, Hallo”, echot Harald, der auf dem Platz gegenüber sitzt. Sein langer hagerer Kopf hängt wie immer schief auf der Brust. Aus den Augenwinkeln starrt er Britta an. Dennis weiß, dass er sie liebt, aber sie mag ihn nicht.
“Igitt”, schreit sie, wenn der dünne Speichelfaden auf sein T Shirt tropft.
Markus steigt ein, die Stufen sind zu hoch für ihn. Sein Kopf ist groß, alles andere klein wie bei einem Kind. Nur Victor fehlt noch, es dauert bis die Plattform abgesenkt und er hinaufgefahren ist. Sekundenlang schwebt er durch die Luft, dann rollt er hinein.
Erst an der Endstation sind sie am Ziel.
Dennis hat die Arbeitshose schon an, er braucht nur die Jacke anzuziehen.
Das ist schwer genug, Noch schwerer als in den Bus einzusteigen.
Mama übt mit ihm.
“Langsam”, mahnt sie,”erst den einen Arm, dann den anderen”.
“Dennis macht Fortschritte”, lobt sie, als er es kann.
Immer sagt sie das und obwohl es ihm gefällt, rollt er mit den Augen.
Heute ist die Umkleide abgeschlossen.
“Kommt in die Halle!” ruft Walter ihnen zu. Er ist ihr kleiner Chef, der, der aufpasst, wie sie arbeiten.
Britta, Harald, Markus, Victor und er, sie sind die beste Gruppe. Zu Weihnachten wurden sie ausgezeichnet.
Britta schiebt die Teile zum Montiertisch, legt sie vor Harald auf die Ablage. Harald steckt sie zusammen, Victor fixiert das Kabel und Markus schraubt die Teile fest und spannt sie in den Greifarm, der zu Dennis hinüberschwenkt. Er muss kontrollieren, ob alles richtig ist. Bei jedem Fehler tritt er auf das Fußpedal, das unter dem Tisch steht. Der Greifarm kippt nach hinten, öffnet sich und der fehlerhafte Stecker fliegt in die Kiste, auf der “Ausschuss” steht. Ist alles in Ordnung, lässt Dennis den Greifer vorübergleiten. Alle paar Minuten schaut Walter vorbei.
“Gute Arbeit”, nickt er anerkennend, wenn die Ausschusskiste fast leer ist.
“Das geht noch besser”, meint er, wenn sie schneller als sonst gefüllt ist.
In der Halle sind alle versammelt und vorne steht der große Chef. Er hat ihnen die Urkunde gegeben, die nun neben der Essensausgabe in der Kantine hängt, damit sie jeder sehen kann.
Der große Chef ist ernst, er lächelt nicht wie sonst, wenn er mit den fremden Menschen durch die Halle geht. Männer im Anzug oder Frauen im Kostüm.
Er hebt die Hand und bittet um Ruhe. Ganz ruhig ist es nie bei ihnen, eine Grundmelodie aus Murmeln und Kichern, aus Stöhnen und dem Geräusch schabender Füße begleitet sie immer. Dazwischen gelegentlich ein kurzer Aufschrei, ein hysterisches Lachen – wie kleine Farbtupfer in einem grauen Bild.
Aber nun ist es fast mucksmäuschenstill, denn der große Chef hält beide Hände in die Luft, so, als würde er mit der Waffe bedroht und das macht ihnen Angst.
“Wir haben ein Problem”, spricht er ins Mikrofon, “die Firma, für die wir die Stecker bauen, hat einen neuen Besitzer. Er will nicht mehr, dass wir die Stecker liefern. Er will eine andere Firma finden. Also”, schließt er seine Rede, “das heißt, wir haben keine Arbeit mehr.”
Dennis hat nie überlegt, wohin die fertigen Stecker gehen, niemand von ihnen hat das getan, das sieht er an den ratlosen Gesichtern von Markus, Victor, Harald und Britta, die genau so verblüfft sind wie er.
“Warum denn?” fragt Victor “sind sie nicht gut genug?”
“Nein, gut sind sie schon.”
“Sind es zuwenig, sind wir zu langsam?” fragt Markus, der auf einen Stuhl geklettert ist, damit der große Chef ihn sehen kann.
“Nein, schnell genug seid ihr auf jeden Fall.”
“Dann brauchen sie wohl keine Stecker mehr?” fragt Victor. Dennis staunt, wie schnell der alles versteht.
Aber auch dazu schüttelt der große Chef den Kopf.
“Nein, es ist nur der Preis, er sagt, wir sind ihm zu teuer. Er will weniger Geld ausgeben.”
Weniger Geld, Dennis erschrickt. Er bekommt doch nur 200 €, die Hälfte gibt er den Eltern, die andere ist sein Taschengeld. Er spart für den Urlaub mit Britta.
“Weniger geht nicht”, brüllt er in den Raum. “Das müssen wir ihm sagen.”
Alle schauen ihn an.
“Dem neuen Mann von der Firma, der kennt uns doch nicht.” Es ist ein langer Satz für ihn, aber es ist richtig, was er sagt, denn Britta nickt ihm zu und schreit: “Hinfahren, hinfahren!”
Walter schaut unschlüssig zum großen Chef.
“Gar nicht so schlecht”, meint der schließlich.
Zwei Tage später sind die Busse da.
“Strammstehen!” hämmert es in Dennis Kopf, als er einsteigt. Der große Chef sitzt vorne und neben ihm ist ein Mann mit einer Kamera, der will sie ins Fernsehen bringen.
“Wie sehe ich aus?” fragt Britta.
“Wunderschön”, flüstert Dennis und legt seinen Arm um sie.
“Der kann uns die Stecker nicht wegnehmen, oder?” fragt sie leise.
Dennis schüttelt den Kopf. “Nein”, sagt er, “nein”.
