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Petra Öllingers virtuelle Wohnung


Literarische Gäste

Ich freue mich, Ihnen im Salon meine literarischen Gäste vorstellen zu dürfen. Neben einem Ausschnitt aus ihrem schriftstellerischen Schaffen finden Sie hier auch Wissenswertes zur jeweiligen Person.

Bettisch, Johannes – Biografie

Bettisch, Johannes – Texte

Diwald, Sonntraut – Biografie

Diwald, Sonntraut – Texte

Grassl, Gerald – Biografie

Grassl, Gerald – Texte

Hofberger, Peter – Biografie

Hofberger, Peter – Texte

Lang, Werner – Biografie

Lang, Werner – Texte

Rudas, Thierry – Biografie

Rudas, Thierry – Text

Vogt, Raphael – Biografie

Vogt, Raphael – Texte

Bettisch, Johannes

Dr. phil., *1932 in Temeschburg, lebt in Stuttgart, sammelt Lebenserfahrung als Schlosser, Hochspannungstechniker, Sportpilot, Gymnasial- dann Hochschullehrer, Prodekan der TH von Reschitz, Hon. Prof. der „A. Schweitzer“ Uni, Genf, Mitglied der Wissensch. Akad. von New York und Diplomati-schen Akad. London, Diplomschriftsteller (C.v.Goethe Akad. Frankfurt a.M.). 1990-2000 bereist mit seiner Gattin die Welt. Veröffentlicht über 150 wissenschaftliche Beiträge und 33 Bände Belletristik.

Der Dorfschmied

„Nichts, und wieder nichts, sie wollen sich einfach mit dieser Sache nicht beschäftigen, was ich zwar gut verstehe: Viel ausserplanmäßige Arbeit, we-nig Geld und ihr eigener Plan bleibt zurück. Aber uns hilf dieses Verständnis kaum…“
„Und was machen wir ?
„Weiß die Katz’, ich finde einfach keine Lösung. Bis jetzt wenigstens nichts.“
„Die Frist nähert sich schnell, und wenn noch dreivier Tage schlechtes Wetter dazukommen, und man an der Linie nicht arbeiten kann, dann sind wir aufgeschmissen, der Generaldirektor und der Minister werden dich mit Haut und Haar, soweit du dann noch welches hast, auffressen.“
„Ja, das wird er wohl nicht lassen können. Aber gute Idee, hoch lebe der Idiot.“
„Was ist eine gute Idee ?“
„Das mit dem Auffressen, das heißt, ich meine wir sollten mal essen gehen, es ist ja Zeit.“
„Das streite ich nicht ab. Gehen wir in die „Dunau“, dort gibt es Welsfilet-schnitzel, groß wie ein WC Deckel.“
„Und auch so schmackhaft ? Aber genehmigt, also los, denn morgen muss ich wieder nach Murila, um mit dem Bürgermeister zu reden. Seit zwei Ta-gen suche ich den Mann, aber niemand kann oder will mir sagen wo der Kerl steckt, und das Rathaus ist hermetisch abgeschlossen, kein Sekretär, kein Buchhalter, nicht mal ein Wächter ist zu finden. Morgen fahre ich ganz früh hin und werde ihnen auflauern, irgendwo müssen sie doch ihre Existenz be-treiben…“

Mit dem früh hinausfahren wurde nichts. Das heißt wir starteten tatsächlich ziemlich früh mit der alten Militär-Škoda und dem Fahrer, denn damals hat-te ich keinen Führerschein. Einen Pilotenschein hatte ich zwar, aber das nützte hier ungefähr soviel, wie ein Hufeisen am toten Gaul, denn Elektro-montasch hatte bedauerlicherweise keine Flugzeuge auf den Baustellen, sondern alte Schrotthaufen, wie dieser Jeep da, der den Krieg überlebt hat, und für welchen die Bezeichnung Auto als eine maßlose Übertreibung zu verstehen war. Merkwürdig war es immerhin, dass wir damit manchmal doch fahren konnten… Aber diesmal hatten wir nicht mit dem Triebwerk zu tun, sondern mit einer Reifenpanne. Am ungepflasterten Landweg, wo ver-schiedene Tiere die Nägel aus ihren Hufeisen verlieren, ist die Reifenpanne schon fast eine vorprogrammierte Ehrenpflicht, besonders wenn die Reifen, wie unsere, so abgenutzt sind, wie der Skalp eines Skinheads, der – hätte es damals schon welche gegeben – verteufelt neidisch auf seine Glätte ge-wesen wäre, wenn er etwas auf sich hielt .
Der Fahrer flickte den Reifen und bis er fertig war, machten sich auch die teller-großen Schildkröten auf den Weg am Ufer der Donau, womit ich sagen will, dass es schon spät und heiß geworden war. Der August ist am südli-chen Lauf der Donau nämlich keine besonders kalte Periode. Es waren nicht allzu viele Menschen zu sehen. Sie hatten sich auch vor der Sonne, die nichts und niemandem verzieh, verkrochen. Zufällig sahen wir aus unserer Militärškoda einen Mann, einen Dorfbewohner, der früher mal bei uns gearbeitet hatte. Ich rief ihm zu, er blieb stehen und ich fragte ihn, wo der Bürgermeister zu finden sei. War er in Urlaub oder wo zum Teufel, denn heut ist es schon der dritte Tag, an welchem wir ihn nicht finden.
Der Mann trat von einen Fuß auf den anderen und schien sehr unentschlos-sen, woraus ich folgerte, dass er wusste wo die Dorfgröße war, nur wollte er es anscheinend nicht ausplaudern. Also war da Mist hinter der Tür.
„Hören Sie, wenn ich mit dem Bürgermeister nicht sprechen kann, fahre ich in das andere Dorf und hole mir die Hilfsarbeiter von dort, und euch entgeht eine Menge Kohle, denn ich brauche wenigstens dreißig Mann für zirka zwei Wochen. Verstehen Sie ? Das ist eine Menge Geld und das bekommen dann nicht Sie und ihre Landsleute, sondern die anderen.“

Das schien zu beeindrucken. Der Mann überlegte, man sah ihm an, dass er scharf nachdachte. Fast hörte man das Getriebe in seinem Kopf knirschen…
„Herr Chef, ich sag’s Ihnen, wenn Sie versprechen, dass Sie niemandem sagen, es von mir gehört zu haben …“
„Das kann ich, aber warum ?“
„Das werden Sie schon gleich verstehen. Also, bei der Kirche gehen Sie rechts um die Ecke und dann nur dem Geruch nach. Jetzt wird der Maulbeerschnaps gebrannt, riechen Sie nur, hier spürt man ihn auch… Fahren Sie bis zum Kessel. Dort finden Sie nur zwei-drei Leute, die dort herumlungern. Aber hinter dem Raum wo der Kessel steht, befindet sich ein Schuppen. Er ist nur an der hinteren Seite offen. Gehen sie um den Kessel auf die hintere Seite zu und dort finden Sie den Präses… und den Sekretär. Seit vier Tagen liegen Sie dort. Sie stehen nur auf um zu saufen, etwas zu essen und dann schmeißen sie sich wieder hin. Sowas ! Niemand darf sie stören, das haben sie so befohlen. Also ich hab’ Ihnen nichts gesagt. Sie haben es versprochen.“
„Das halten wir ganz bestimmt. Und danke!“

Dort lagen sie tatsächlich. Alle beide. In langen Unterhosen und ohne Hemd. Auf Decken, die auf dem Boden hingestreuten Weizenstroh ausgebreitet wa-ren.
Dieser Präses war ein ultrakomischer Kauz. Ein Ortsbewohner war er nicht. Früher hat er in der Schiffswerft der Stadt gearbeitet; von dort nahm ihn die Partei als vertrauenswürdigen Genossen und schickte ihn nach Murila, vier-zig Kilometer von seiner Stadtwohnung, als Volksratspräsidenten, um die Kollektivierung der Landwirtschaft voran zu treiben. Seine ganz besondere Eigentümlichkeit, die gut bekannt war, bestand darin, dass seine Frau ein-mal in der Woche einen großen Korb voll Proviant von zu Hause hin zu ihm brachte, eine ordentliche Tracht Prügel kassierte und dann zurück in die Stadt fuhr. Und das Woche für Woche. Ich weiß das von ihr selbst, denn ei-nige Male habe ich sie in meiner Škoda mitgenommen, weil es öffentliche Verkehrsmittel damals dort noch keine gab… Die Dorfbewohner meinten, er schlüge sie immer, denn auch wenn er nicht wissen konnte warum, sie wüsste es bestimmt…

Die Dorfobrigkeiten beliebten zu schnarchen in der Art einer alkoholischen Halbkoma. Es war kein leichter Job, den Bürgermeister ins irdische Dasein des Alltags zurück zu manövrieren. Als er sein Bewusstsein in einem akzep-tablen Maße wieder erlangt hatte, war es ihm peinlich, wie er aufgefunden wurde, und verlangte sein Hemd von einem der Leute, aber niemand wollte wissen wo es war. Ich versuchte ihm irgendwie entgegen zu kommen, und zog mit entsprechender Begründung auch meines aus. Bei fünf- bis acht-unddreißig Grad Celsius fällt es nicht zu schwer eine halbnackte Konferenz abzuhalten.

Der geschäftliche Teil war vorbei, und wir wurden eingeladen, mit der örtli-chen Autorität, ein Glas zu leeren, was man aus Höflichkeitsgründen und protokollmäßig kaum abschlagen konnte, obwohl das hochgradige Produkt, warm noch vom Kessel, im Hochsommer kaum das ideale Kühlmittel dar-stellt. Es wurde auch viel gesprochen, und ich erzählte Ihnen über mein stressiges ungelöstes Problem. Es handelte sich um die Tatsache, dass wir für die Hochspannungslinien eine Menge Deltaisolatoren geliefert bekommen hatten, die wir auf den Stutzen befestigen mussten, was leicht vor sich ging. Der Stutzen mit dem Isolator sollte danach aber auf einer Konsole am Hoch-spannungsmast befestigt werden, und zwar mit einer Ringscheibe und einer Schraubenmutter. Und eben da war die Schwierigkeit, denn obwohl beide mit einem Einzoll-Withworthgewinde versehen waren, hatte man die Stutzen in einem Werk in der Hauptstadt fabriziert, und die Schraubenmuttern in einer anderen Fabrik in der Provinz. Warum man die Mutter nicht auf die Stutzen aufschrauben konnte, war ein wahres Mysterium, das durch die ungenaue, schlampige Arbeit in dem hauptstädtischen Werk zu erklären war, wo die Stutzen einige hundertstel Millimeter dicker geraten sind als vorgesehen, was jedoch gerade genug war dazu, dass man sie nicht normal verwenden konnte. Als ich das am Telefon dem Generaldirektor berichtete, fluchte der alte Diplomingenieur armenisch und sagte, dass er jetzt auch nichts mehr machen könne, und ich soll das auf Ebene der Baustelle in Ordnung bringen. Mahlzeit !
Also war ich in der Schiffswerft, in dem Unternehmen für landwirtschaftliche Maschinen, bei der Eisenbahn, in verschiedenen anderen größeren und kleineren mechanischen Unternehmen, überall, wo ich ein Drehmaschine vermutete, aber niemand wollte den Auftrag, was ich eigentlich verstehen konnte. Aber eine Lösung des Problems musste um jeden Preis herbei.
Einer der Männer, die den Kessel bedienten, hörte auch mein Gejammer, und fragte mich, ob ich nicht einen Stutzen da hätte, dass er ihn sich mal ansehe.
„Er ist der Schmied des Dorfes“, sagte der Präses, „eigentlich ein Tausend-meister, der Pferde beschlägt, und Uhren oder Radios repariert, solche mit Batterien und Akkumulator, denn wir haben ja noch keinen Strom. Viel-leicht löst er auch ihr Problem…“
Inzwischen hat der Fahrer aus dem Auto einen Stutzen und eine Schraubenmutter gebracht und der Tausendmeister schaute sie von allen Seiten an, spielte damit hin und her, und auf einmal war der Mann verschwunden.
In zirka einer dreiviertel Stunde kam er zurück und gab mir den Stutzen in die Hand, ohne etwas zu sagen. Die Mutter war aufgeschraubt und bewegte sich leicht am Gewinde. Ich glaubte meinen Augen nicht…
„Wie viele haben Sie ?“ fragte er.
„Viertausendachthundert Stück.“
„Ich kann sie Ihnen machen, wenn die Zahlung stimmt.“ Wir einigten uns.
„Und wann sollten sie fertig sein ?“
„Na, spätestens bis gestern“, sagte ich.
„Gut, dann bringen Sie sie bitte spätestens bis vorgestern vorbei“, sagte der Witzbold, ohne zu lächeln. Also doof war er keinesfalls, und ich fasste Ver-trauen.

Die Teile wurden ihm gebracht und er machte sich mit zwei Gehilfen an die Arbeit. Noch eine Gelegenheit, um den Augen nicht zu trauen. Seine Schmie-de sah ziemlich mittelalterlich aus, dunkel, verrußt, eng und höllisch warm. Die Esse hatte er sich selbst gebaut, und die Luftzufuhr wurde mit zwei Zie-genhautblasebalgen gesichert, die mit der Hand betätigt wurden, ein mono-toner und anstrengender Beitrag des ausgebeuteten Lehrlings. Auf die Dau-er eine wahrhaftige Qual. Ein Blasebalg, hatte oben zwei parallele Stäbe, die mit der Hand einen Spalt geöffnet und auch zugedrückt werden konnten. Die zwei Hände betätigten die zwei Balgen alternativ: beim Heraufziehen öf-fnete man die Stäbe und so Luft strömte in den Balg. Dann kniff man die Stäbe zu und drückte den Balg hinunter; die Luft wurde am anderen Ende des Balgs durch ein Rohr aus dem Balg in die Esse gepresst. Dann geschah es so mit dem Linken. Die zwei Seiten funktionierten alternativ, und das Feuer hatte immer frische Luft. An sich eine geniale Sache. Vermutlich schon im Altertum benutzt. Und ein Beweis, dass man sich fast immer ir-gendwie helfen kann. Der Mann hatte mit billigen und zugänglichen Mitteln eine Lösung ausgeknobelt, an einem Ort wo es noch keine Wind- oder Was-serkraft und keinen Strom gab, der sollte erst durch unsere Tätigkeit – die des Elektromontasch – eingeführt werden.
Selbstverständlich schaute ich seinem Vorgehen aufmerksam zu. Es war einfacher als eine Ohrfeige. Der Stutzen wurde etwas erwärmt, die Mutter zum Glühen gebracht und mit Gewalt auf den stutzen geschraubt; sie dehnte sich entsprechend aus und blieb nach dem Abkühlen passend aus-gedehnt. Der Stutzen musste auch etwas erwärmt werden, damit der kalte Stahl die glühende Schraubenmutter nicht plötzlich abkühle, und so das Drehen verhindere. Nach dem Abkühlen wurde der Stutzen auch einige Tau-sendstel dünner, was die Gängigkeit der Schraubenmutter noch mehr er-leichterte. Die großen Werke scheuten sich die Arbeit zu machen, weil sie sie an der Drehmaschine durchführen wollten: Den Stutzen einspannen, zent-rieren, einen Span abdrehen, ausspannen, probieren, lagern, na ja das hät-te schon mehr Zeit in Anspruch genommen. Aber so konnten die neunhun-dert Leute der Elektromontaschbaustelle weiterarbeiten, der Schmied kas-sierte wie nie in seinem Leben, und der Regierungsbeschluss betreffend die Elektrifizierung in diesem Teil de Landes wurde planmäßig durchgeführt, der Generaldirektor wurde vom Minister für Energiewirtschaft im Amtsblatt be-lobigt… Und das alles hat ein sogenannter „Dorfschmied“ zustandegebracht. Wenig ist das keinesfalls, nicht wahr ?

Diwald, Sonntraut

Mag.phil., Psychologin, Psychotherapeutin, Schreibpädagogin; in verschiedenen Beratungseinrichtungen tätig; Beschäftigung mit transkulturellen Heilmethoden, Mutter, Großmutter, Mitmensch.

Spaziergängerin in der Winternacht

Hätten ihre handschuhlosen Hände sich nicht tief in ihren Manteltaschen verkrochen
– wer weiß – vielleicht hätten sie sich zu einer Berührung geöffnet.
Hätten sich ihre in den zu leichten Schuhen frierenden Füße nicht zu schnelleren Schritten beeilt
– wer weiß – vielleicht hätte es statt dem Vorübereilen ein Ankommen gegeben.
Hätten sich ihre im Frost tränenden Augen nicht zu schmalen Schlitzen verengt
– wer weiß – das Bild der in den großen Schulfenstern gespiegelten Lichtgirlande wäre vielleicht bis in ihr Herz vorgedrungen.
Hätte der Wind ihr nicht die Haare so sehr um die Ohren geknattert, dass sie ihre Kapuze hochzog
– wer weiß – die Nacht hätte vielleicht eine Melodie für sie gehabt.
Hätte sie nicht die Lippen fest vor der Winterluft verschlossen
– wer weiß – vielleicht hätte sie der Nacht Worte zugeflüstert.
Hätte die Kälte nicht vorsorglich ihre Nasenschleimhäute zu wärmenden Polstern geplustert
– wer weiß – vielleicht hätte die Nacht ihren Geruch mitgeteilt.

So aber war die Nacht schwarz geblieben, die Fenster der dunklen Gasse blicklos, die Geräusche ohne Klang; und sie selbst blieb sich eine geschlossenen Faust in ihrer Manteltasche.
Ob es noch Sinn hatte auf den Frühling zu warten? Wer wusste es?

Grassl, Gerald

Geb. 1953 in Telfs/Tirol, nach kaufmännischer Lehre (als Dekorateur) in verschiedenen Berufen tätig, u.a. Lektor, Bleisetzer, Galerist, Verleger, Kulturredakteur der „Volksstimme“. Von 1979 bis 1984 Sprecher der Werkstatt Wien des Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Einige Literaturpreise, Beiträge in Zeitschriften und ORF und diverse Einzelpublikationen und Theaterstücken. LetzteEinzelveröffentlichung: Lieder-CD „Freiheit“ (2003, vergriffen).
Derzeit im Vorstand der 2006 neu gegründeten Werkstatt Wien des Werkkreis Literatur der Arbeitswelt und Herausgeber dessen Österreichausgabe der Zeitschrift „Tarantel – für eine Kultur von unten“.

Am Abend schläft die Poesie

Einmal, als ich in der Früh in der Schnellbahn auf dem Weg zur Arbeit saß, zum Fenster hinausschaute, hinten bei den hintersten Häusern, dort wo ich den Beginn oder den Rand der Stadt vermutete, hinter diesen Randhäusern also sah ich kohlenglutrot die Sonne aufsteigen.
Als ich zum Schnellbahnfenster hinaussah, dabei die aufsteigende Sonne beobachtete, dachte ich, dass es merkwürdig ist, dass mir auf einmal ein Sonnenaufgang auffällt und ich erinnerte mich, dass mir sehr viel früher oft, viel öfter Sonnenaufgänge aufgefallen waren.
Die Sonne hatte nicht immer die gleiche Farbe – war jedesmal anders rot, vom blassen orangerot bis zum dumpfen purpurrot stieg sie in allen Nuancen des Farbenspektrums auf.
Und als ich in der Früh in der Schnellbahn saß um in die Arbeit zu fahren, dabei den kohlenglutroten, morgendlichen Sonnenaufgang bewunderte und mich an Sonnenaufgänge meiner Jugend erinnerte, wurde ich traurig. Deshalb wurde ich traurig, weil es mir weh tat, dass ich so oft in die Arbeit gefahren war und schöne Sonnenaufgänge nicht mehr beachtet hatte. Ich fühlte, wie wichtige Empfindungen, Empfindungen der Umwelt gegenüber, Empfindungen Sonnenaufgänge betreffend, in mir allmählich abgestorben waren.
Als ich die letzten hundert Meter zum Arbeitsplatz zurücklegte (die Sonne war übrigens schon ganz aufgeblüht und hing gelb am blaugrau-dunstigen Himmel), beschäftigte mich die Neuentdeckung des Sonnenaufgangs immer noch.
Ich nahm mir vor, die Umwelt wieder genauer zu beobachten, alle neu gewonnenen Erfahrungen, Erlebnisse, Denkvorgänge künftig niederzuschreiben, um sie nicht zu vergessen und nicht zu verlieren.
Nachdem ich mich in der Fabrik umgekleidet hatte, nachdem ich mir vom Automat einen Schwarzen Kaffee geholt und in drei großen Schlucken ausgetrunken hatte und dann den Werksraum der Fabrik betrat, wo mich das Dröhnen der Maschinen betäubte, wo der Staub in der Luft des Maschinenraumes mir Nase, Augen und Ohren belegte, wurde mir bewusst, was der Grund des Abstumpfens der Gefühle war.
Schreibe! Schreibe, sagte ich mir, vielleicht gelingt es dir zurückzuerobern, was du verloren zu haben glaubst.
Am Abend hatte ich längst alles wieder vergessen. Einst hatte ich gerne Bücher gelesen, aber ich fand seit geraumer Zeit keine Muße mehr dazu, sondern ließ mir lieber von den bunten Sprüngen am Fernsehschirm andere Welten in mein Zimmer liefern.
Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Schnellbahn sah ich im Park Krähen, die sich mit schwerfälligen Flügelschlägen zwischen den Bäumen schwangen, und der Himmel war frisch und kalt. Später sah ich Müllmänner die Koloniakübel auf der Kante rollten, ein paar Leute konnten es sich leisten, schon im Kaffeehaus zu sitzen, Geschäftsleute schoben die Rollbalken ihrer Läden hoch und eine alte Hure taumelte besoffen dahin. Aus einem Bäckerladen (wie lange wird es sie noch geben?) sog ich den Duft von frisch gebackenem Brot ein und die Zeitung, die ich mir am Kiosk besorgte, hatte auch noch einen eigenen Geruch.
Am liebsten wäre ich umgekehrt, nach Hause, um blau zu machen und die erschwindelte Freizeit dazu zu verwenden, in einem Heft alles Gesehene niederzuschreiben.
Aber ich hatte seit meiner Schulzeit höchstens ein paar Briefe geschrieben. Außerdem war ich als „Benjamin für alles“ zu kurz in der Firma beschäftigt, um mir schon einen Krankenstand, den mir der Kassenarzt möglicherweise nicht einmal absegnen würde, zu riskieren. Also in die Arbeit und neuerlich während eines Tages, der voll von Idiotenarbeiten war, den schönen Herbstmorgen vergessen.
Ich erhielt den Auftrag eine Werbeaussendung zu adressieren. Das macht man an einer Adressiermaschine. Auf Bleiplättchen stehen die Adressen und laufen durch die Maschine. Man schiebt das Kuvert an eine markierte Stelle, steigt auf ein Pedal und die Adresse wird auf ein Kuvert gedruckt. Eine langweilige, nervtötende Arbeit. Immer das gleiche: ein Kuvert zur markierten Stelle schieben, dann auf das Pedal steigen, Druck, das nächste Kuvert. Zweitausend Mal derselbe Vorgang und der Auftrag wird wahrscheinlich den ganzen Tag vor dieser Idiotenmaschine in Anspruch nehmen.
Ich saß also an der Maschine. Eine Zeit lang wirkten die Beobachtungen dieses Morgens in meinem Gemüt noch nach und ich dachte daran, wie schön es doch wäre, zu dieser Tageszeit im nahezu menschenleeren Park spazieren zu gehen und die Krähen zu füttern. Aber wenn man bei dieser Arbeit nicht höllisch aufpaßt, druckt man leicht zwei Adressen auf ein Kuvert. Diese verpfuschten Adressierungen müssen später herausgesucht und mit der Hand geschrieben werden. Dieser Fehler passierte mir an diesem Vormittag öfters. Allmählich verdroß es mich vom Morgen zu träumen, da ich viel zu viele Fehler machte. Schließlich konzentrierte ich mich nur mehr auf die Maschine, und meine Phantasie reichte gerade noch so weit, mir vorzustellen, daß mein Gesicht bei diesem Arbeitsvorgang ziemlich blöd dreinschauen mußte. Immer der gleiche Handgriff, dazu die gleiche Bewegung mit dem Fuß, einen ganzen Tag, 2000 Adressen lang. Irgendwann war die Mittagspause und danach ging der Stumpfsinn weiter.
Am Abend zu Hause erinnerte ich mich wieder an den Morgen und auch daran, daß ich alles endlich einmal niederschreiben wollte. Ich drehte den Fernsehapparat wieder ab und nahm Papier und Kugelschreiber zur Hand. Aber es fiel mir nichts mehr ein. Morgens hatte ich noch geglaubt, alle notwendigen Sätze dazu im Kopf zu haben, aber auf einmal waren sie in meinem Gehirn nicht mehr vorhanden. Ich nagte am oberen Ende des Schreibers nervös herum und stierte so blöd auf das Papier, wie ich tagsüber auf die Maschine gestarrt hatte und mit der Zeit bekam ich eine ungeheure Wut.
Am liebsten hätte ich das Papier zerrissen und den Kugelschreiber zu Boden geworfen und zertreten. Ich nahm den Kuli in die Faust wie einen Meißel und kratzte damit in großen Buchstaben das Wort SCHEISSE auf das Papier. Da fühlte ich mich besser, obgleich ich immer noch diese Wut spürte. Deshalb schrieb ich noch einmal das Wort SCHEISSE nieder. Das tat gut und ich lächelte. Und weil es so schön war schrieb ich noch einmal SCHEISSE auf das Papier.
Dann lehnte ich mich zurück und dachte lange nach, stand schließlich auf, bereitete mir eine Tasse Tee, nippte an der Tasse, dachte weiter nach und dann kam mir ein Einfall, der mir gefiel.
Unter dieses „Scheiße“ mal drei schrieb ich: AM ABEND SCHLÄFT DIE POESIE.
Ich war mit meinem Werk zufrieden und sandte es an eine Literaturzeitschrift. Am Weg zur Arbeit warf ich es in einen Postkasten. Prompt wurde dieser Text dann auch veröffentlicht, was mich ermutigte wieder zu versuchen etwas niederzuschreiben…

Das Risiko der Frei – heit – setzung

Herr Kommerzialrat Braun von „Braun & Co“ setzte alles auf eine Karte, riskierte sein gesamtes Unternehmerrisiko und nahm sich die Freiheit mich freizusetzen.
In meiner neu gewonnenen Freiheit hockte ich oft am Arbeitsamt herum, traf dort meine anderen freien Kollegen, mit denen ich dann das Gürtel-enger-schnallen-Spiel diskutierte.
Wir konnten es einfach nicht begreifen, dass ein florierendes Unternehmen wie „Braun & Co“ bei derartig guter Auftragslage und enormen Umsätzen pleite machen sollte?
Wo waren die Gewinne hingekommen?
Wir hätten auch gerne gewusst, auf welchem Arbeitsamt sich arbeitslose Fabrikanten und Manager zum Stempeln anstellten.
Der Markt, der früher Sklaven, aber heute Arbeiter und Angestellte anbietet, war in meinem Fach leider „gesättigt“. Allmählich wurde mir vor allem die finanzielle Situation meiner neuen Freiheit unerträglich. Um meine Lage besser überdenken zu können, kehrte ich häufiger in Kneipen ein. Da bestellte ich mir dann ein paar Vierteln Weißwein um meine Lage besser vergessen zu können.
Einmal begegnete mir spät Abends auf dem Heimweg zufällig Herr Kommerzialrat Braun. Vergnügt lachend, zwei flotte Mädchen unterm Arm, steuerte er auf einen sauteuren Wagen zu. Nicht einmal sein Blechschlitten war durch sein Unternehmerrisiko draufgegangen.
Da ballte sich meine Wut, meine Fäuste und mein ganzes Arbeiterrisiko zusammen. Ich nahm mir die Freiheit, dem Herrn Kommerzialrat den Weg zu verstellen.
Dabei habe ich anschließend bei einer Gerichtsverhandlung für ein paar Monate meine Freiheit verloren.

Die Wahrheit über Herrn Keuner und seinen Freund

Die Wahrheit ist, dass Herr Keuner immerzu wen brauchte, der ihm geduldig zuhörte, da er auch einigermaßen eitel war.
Allmählich wurde es ihm wichtig, dass ihm dieser Zuhörer nicht nur Achtung entgegenbrachte, sondern zudem all seine kostbaren Gedanken für die Nachwelt niederschrieb.
Herrn Keuners Bewunderer hieß Johann. Herr Johann hatte ein gutes Gedächtnis, war jedoch nicht so schlagfertig in der Argumentation. Es dauerte oft Tage oder Wochen, bis Herr Johann Einwände zu Herrn Keuners Gedanken zu äußern wagte.
Diese Einwände ärgerten zwar Herrn Keuner, doch forderten sie ihn zugleich heraus.

Über Organisation

Nachdem Herr K. einmal bemerkte, dass der Denkende kein Licht, kein Stück zu viel, und auch keinen Gedanken zu viel benütze, entgegnete ihm Herr J einige Tage später, dass eben der Denkende oft ein Übermaß an Licht verschwende, dass der Denkende die Einsicht habe, dass beim Sparen von Brot fast niemandem wirklich geholfen werden könne; außerdem produziere der Denkende unentwegt falsche, schlechte und verdrehte Gedanken, bis er endlich wieder einmal zu einer richtigen Erkenntnis gelange.

Gegen die Gewalt

Als sich Herr Keuner einmal gegen die Gewalt aussprach und dabei bemerkte, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen, blickte er um sich und sah hinter sich stehen die Gewalt. Auf ihre Frage antwortete er: „Ich sprach mich für die Gewalt aus.“
Als Herr Keuner weggegangen war, wurde er nach seinem Rückgrat gefragt und er antwortete: „Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muss länger leben als die Gewalt.“
Zum Beweis dafür erzählte Herr Keuner eine Geschichte…
Später sprach ihn Herr Johann auf dieses Erlebnis an: „Ihre Geschichte klang wirklich gut. Aber ich möchte Ihnen auch eine Geschichte erzählen: Als in einem Land die Gewalt die Volksherrschaft mit Gewehren stürzte, trieb sie die Verteidiger der Volksherrschaft in das Fußballstadion der Hauptstadt, um sie dort zu arretieren. Unter den Verhafteten war auch der Sänger der Revolution.
Ihm zerschlug die Gewalt mit Gewehrkolben die Hände und forderte ihn anschließend auf, ein Lied zu singen. Der Sänger taumelte hoch, simulierte mit seinen blutenden, zerschlagenen Händen das Gitarrespiel und sang das Lied der Revolution. Tausende Gefangene sangen mit ihm. Bis Maschinengewehre in die Menge schossen, Kugeln den Leib des Sängers zerfetzten. Aber gerade dadurch lebt das Lied der Revolution bis heute fort…“
„Das mag schon sein“, antwortete Herr Keuner, „aber wie oft setzen Leute, die sich besonders mutig wähnen, ihr Leben um ein Butterbrot auf´s Spiel?“
„Viel öfter riskieren Leute nicht einmal ein Butterbrot um der Gewalt entgegen zu treten“, antwortete Herr Johann.

Die Träger des Wissens

„Viele Träger des Wissens hüten vorsichtig ihren Kopf und lassen sich auf keine Kämpfe ein. Aber sie üben sehr oft Befehlsgewalt über Kämpfende aus. Doch nur jene Wissenden, die für ihre Überzeugung auch persönlich zu kämpfen wagen, vermögen zu vermitteln, dass Kämpfende auch Wissen gebrauchen müssen, und zur Tugend des Wissens auch die Tugend des Kämpfens gehört“, sagte einmal Herr Johann.

Mühsal

Auf die Frage, woran er arbeite, antwortete Herr K., dass er viel Mühe habe, da er seinen nächsten Irrtum vorbereite…
„Soll ich das auch wirklich niederschreiben?“, fragte ihn darauf Herr J.

Die Grenzen von Hass und Liebe

„Ich kann überall hungern“, meinte Herr K., und hielt es daher nicht für notwendig in einem bestimmten Land zu leben.
Im vom Feinde besetzten Lande wurde K. jedoch einmal von einem Offizier gezwungen vom Bürgersteig herunterzugehen, was ihn nicht nur gegen diesen Mann empörte, sondern außerdem zu dem Wunsche hinriss, dass das Land, dem der Offizier angehörte, vom Erdboden vertilgt werde.
„Dadurch?“, fragte Herr K., „bin ich für diese Minute ein Nationalist geworden? Dadurch, dass ich einem Nationalisten begegnete? Aber darum muss man ja die Dummheit ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen.“
„Ich wäre auch wütend gegen den Offizier und auch gegen sein Land geworden“, entgegnete Herr J. „Was besitzt denn unsereins denn schon anderes als seine Würde? Und wie sollte ich nicht wütend werden, wenn jemand diese meine Würde nicht respektieren will? Und sollte ich nicht auch Wut gegenüber einem Land empfinden, das Menschen hervorbringt, die meine Würde verletzen? Menschen übrigens, von denen man mit Gewissheit annehmen kann, dass sie auch nicht die Würde ihrer eigenen Landsleute achten wollen…“

Billiges ist meistens teuer

„Ich habe nichts zum ausgeben und ich bin nicht in der Lage einige Groschen zu sparen, denn ich bin arm“, erzählte einmal Herr J.
Herr K. legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter und beteuerte, dass er ihm gerne die Zeche bezahlen wolle.
Herr J. bedankte sich und fuhr mit seinen Überlegungen fort: „Eines Tages wurde es bei den Reichen modern, gekleidet wie die Armen zu sein. Ein Modekonzern stellte sich rasch auf diese neuen Bedürfnisse ein und fügte Hosen aus teuerstem Stoff künstlich zerschlissene und verwaschene Stellen zu. Diese Kleidungsstücke sahen dann sehr modern aus. An ihrer Facon erkannte man dennoch ihre teure Herkunft und die kunstvollen Verschleißstellen wiesen ihren Träger als originell und mutig zugleich aus.
Meine Hosen ähnelten diesen modischen Armutshosen niemals. An ihnen erkannte man immer, dass ich kein Geld besitze. Ich gebe auch zu, dass ich mich danach sehnte, einmal eine Hose aus gutem, teuren Stoff erwerben zu können. Denn in Wahrheit sind die billigen Hosen, die ich mir zu leisten vermag, wesentlich teurer. Denn das billige Material ist schon nach einer Saison ruiniert. Aber Ware aus gediegenem Garn kann ein Leben lang halten…

Vom Hunger

„Es ist wahr“, sagte Herr J. „auch ich spreche oft vom Hungern. Und es ist richtig, dass ich öfters Hunger verspüre. Gleichzeitig gebe ich zu, dass meine Lage jedoch keineswegs mit jener, der hungernden Kinder in Afrika verglichen werden darf. Verglichen mit jenen armen Geschöpfen genieße ich unbeschreiblichen Reichtum, obgleich mir oft morgens, beim schweren Gang zum Arbeitsamt, das wärmende Frühstück im Bauche fehlt.
Wie relativ das Verhältnis von arm und reich sein kann, zeigt das Beispiel des Schriftstellers B.B.
Er hatte ein Filmdrehbuch über das Elend der Berliner Arbeitslosen in den 30er-Jahren geschrieben. Als der fertige Film in der Sowjetunion gezeigt wurde, staunten die dortigen Arbeiter: ´Was?! So reich sind die deutschen Arbeitslosen? Die können sich sogar ein Fahrrad leisten, mit dem sie um die Wette zur nächsten freien Arbeitsstelle fahren können! Und jeder hat eine eigene Uhr, die er für seine Jagd um einen freien Arbeitsplatz braucht. Für die russischen Arbeiter der damaligen Zeit waren Fahrrad und Uhr unerschwingliche Luxusartikel.
Hier und heute herrscht dennoch bei vielen großer Hunger nach gerechterem Anteil am Gesamten…“

Zum Gebrauch von Zitaten

Herr J. musste Herrn K. recht geben, als dieser einmal beklagte, dass viele sich öffentlich rühmten, ganz allein große Bücher verfassen zu können, dass es hingegen kaum mehr große Geister gäbe, wie den chinesischen Philosophen Dschuang Dsi, der ein Buch mit hundert Wörtern verfasste, das zu neun Zehnteln nur aus Zitaten bestand.
Herr J. nickte zustimmend, gab aber gleichzeitig zu bedenken, dass man nicht nur die Zitate gebrauchen sollte, sondern ebenso die Namen der Wort- und Ideenschöpfer der Nachwelt nicht vorenthalten dürfe. Herr J. führte als Beispiel einen berühmten deutschen Schriftsteller an, der schamlos die Literatur von anderen ausbeutete, ohne je ihre Schöpfer zu nennen. Hunderte trugen so zu seinem Weltruhm bei, hunderte rühmenswerte Namen wurden aber gleichzeitig dem Erinnern der Menschheit unterschlagen. Da ist vergleichbar mit Mord!

In letzter Not

Herr J. erzählte über die Unart, erlittenes Unrecht stillschweigend in sich hineinzufressen, folgende Geschichte: „Einen traurig auf einer Parkbank zusammengekauerten Mann fragte ein Vorübergehender nach dem Grund seines Kummers.
‚Ich wurde soeben von einem Schläger überfallen. Er raubte mir meine Börse mit meinem letzten Geld und dazu meine Armbanduhr. Der Traurige nestelte im Hosensack und wies einen Zehner vor: ‚Sehen Sie, das ist alles, was mir noch geblieben ist. Damit kann ich grade noch morgen zum Arbeitsamt fahren.´
´Haben Sie denn nicht um Hilfe geschrien?´, fragte der Mann. ´Doch´, sagte der Traurige.
´Hat Sie niemand gehört?´, fragte ihn der Mann weiter. ´Nein´, sagte der Traurige.
´Können Sie nicht lauter schreien?´, fragte der Mann. ´Nein´, sagte der Traurige und blickte ihn mit neuer Hoffnung an, in der Erwartung, dass der Mann ihm einen Zehner schenken würde. Denn der Mann lächelte. ´Dann geben Sie auch den her´, sagte er, nahm dem Traurigen das letzte Geld weg und ging unbekümmert weiter.
Der Traurige starrte einige Sekunden lang verdutzt die leere Handfläche an, dann überkam ihn Mut und Verzweiflung und damit verbunden ungeahnte Kraft. Er eilte dem Mann nach, schlug ihn nieder, entriss ihm den Zehner, raubte ihm die dicke Börse, die Uhr, die Manschettenknöpfe und Krawattennadel, und verschwand in das Dunkel der Nacht…“

Ein Wiedersehen

Herr J. traf einen Freund aus früheren Tagen. Der Freund hatte inzwischen ein breites Gesicht mit schmalem Mund und kleinen Augen bekommen. Dazu ein Spitzbäuchlein. Trotzdem begrüßte ihn J. freundliche mit den Worten „Du hast dich überhaupt nicht verändert.“
„Oh!“, freute sich der Freund und lud J. zum Essen ein.
Später traf Herr J. Herrn K. Erleichtert begrüßte er ihn mit den Worten „Sie haben sich gar nicht verändert.“

Über geliebte Menschen

„Wenn ich einen Menschen liebe“, sagte Herr J. „bin ich täglich darum bemüht, den Entwurf, den ich von ihm nach der ersten Begegnung machte, zu beseitigen, um den Menschen selbst endlich begreifen und damit wirklich lieben zu können.“

Schön

Über eine Schauspielerin sagte Herr K. einmal, dass sie schön sei, weil sie Erfolg gehabt habe. Herr J., der in seiner Begleitung war, wandte dagegen ein, dass er aber auch Schauspielerinnen kenne, die der Erfolg hässlich gemacht habe und andere kenne er , die habe der Misserfolg endlich zur Vernunft gebracht.

Herrn J.s Lieblingstier

Herr J. verachtete Elefanten. Ein so starkes Tier lässt sich von den kleinen, schwachen Menschen willenlos an der Nase herumführen, lässt sich nach gutdünken für schaustellerische Dressuren oder schwere Arbeit gebrauchen, anstatt die Freiheit der Wildnis zu verteidigen?
Da gefielen J. wesentlich besser die Wale. Obgleich sie groß und stark sind, tun sie auch nicht ganz kleinen Tieren etwas zuleide, sind für niemanden habhaft, tummeln sich in den weiten Meeren und tun nichts anderes als wohlig ihr Leben zu genießen, ohne anderen gleichzeitig zu schaden.
Allerdings bedauerte Herr J., dass diese klugen Tiere nicht fähig sind, sich gegen die Ausrottung ihrer Art durch die Menschen wirksam zu wehren.
Immer wieder las Herr J. in der Presse, dass wieder einmal dutzende Wale strandeten, als ob sie Selbstmord verüben wollten, denn auch wenn sie von Tierschützern zurück ins Wasser transportiert wurden, ließen sie sich erneut an den Strand treiben…

Bert Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner.

Verständigungsprobleme

(Aus dem unveröffentlichten Buchmanuskript „Dichten lernen“)

H.C. Artmann schrieb: Österreich, sagt man, sei insofern ein glückliches Land, als die Leute hier Deutsch sprechen und trotzdem keine Preußen sind.“
Als Erläuterung empfiehlt er daher deutschen Gästen „angesichts der Aufforderung sich brausen zu gehen, gar nicht auf den Gedanken zu kommen, es könnte eine Dusche angesagt sein…

Peter Pisa schrieb in der Tageszeitung „Kurier“: Ein deutscher Kabarettist hat auf demSender Pro 7 von den seltsamen Österreichern berichtet: Im Kaffeehaus sei er vom Kellner bedrängt worden: „Wollen S’ einen Verlängerten?“ Er richtet sich die Hose. Das habe ihn ziemlich irritiert, sagt er. Danach, so erzählt er weiter, sei er in Wien bei einem TV-Auftritt von der Maskenbildnerin gefragt worden: „Soll ich Sie abpudern?“
Da sei er froh gewesen, dass er im Kaffeehaus das Angebot des Kellners angenommen habe…
Während Deutsche trotz unterschiedlicher Dialekte von der Waterkant bis Bayern zu einer gemeinsamen Verständigungsform finden, begegnen sich in der österreichischen Hauptstadt Wien, Bewohner des hochherrschaftlichen Bezirkes Hietzing nasal mit noblem Schönbrunnerdeutsch, den proletarischen Ureinwohnern des Nachbarbezirkes Meidling wie Fremde.

Jedes der neun österreichischen Bundesländer hat einen eigenständigen Dialekt (= Mundart. Anmerkung: „Mundart“ – was für ein wunderbares Wort!). Bis auf Vorarlberg mit Alemannisch haben jedoch alle Bundesländer das Bayrische als ursprüngliche Sprachwurzel.
Wiener betrachten Gastronomiebetriebe im Westen (Tirol, Salzburg, Vorarlberg) als Verräter, weil sie auf den Speisekarten „Sahne“ anstatt „Schlagobers“, Tomaten statt „Paradeiser“, Rotkohl anstatt „Blaukraut“ oder „Hackfleisch“ anstatt „Faschiertem“ anbieten.
Den Westösterreichern wird somit unterstellt, dass sie sich verbal dem deutschem Tourismus anbiedern wollen, sich sozusagen bereits sprachlich am Strich der Käuflichkeit befinden… Das ist falsch. Die Dialekte im Westen – in Vorarlberg extrem – sind vom Alemannischen, die im Osten slawisch oder ungarisch geprägt. Ein Beispiel: Koitieren, umgangssprachlich vögeln, heißt wienerisch ditschkerln und hat seinen Ursprung im tschechischen „dycka“. Ein anderes Synonym für Geschlechtsverkehr (übrigens das hässlichste Wort für dieses schöne Beisammensein schlechthin) heißt „pempern“. Dieses Wort stammt allerdings aus dem Steirischen und bedeutet dort „schlecht arbeiten“.

Ein Deutscher, der das Glück haben sollte, in Tirol ein vom Tourismus noch nicht entdecktes Tal finden zu können – allerdings ist das schwer vorstellbar -, wird auch dort Verständigungsprobleme haben: Der Tiroler Ur-Dialekt hat zahlreiche italienische und latinische Sprachwurzeln. Im kärntnerischen sind die slowenischen, im steirischen und burgendländer Dialekt die kroatischen Spracheinflüsse nicht zu überhören.
Im „echten“ Wienerisch dominieren hingegen auch hebräisch und französisch.

Franz Schuh meint in seinem Essay „Über das Wienerische“: „Das Wienerische ist als Kommerzmythos weltbekannt. Reisende verbreiten es überall, und Reisende kommen, um sich zu überzeugen, dass alles so ist, wie es sich gehört und wie sie es gehört haben…“
Es sei „Euphorischer Masochismus, leichtsinnige Melancholie und ein zerbrechliches Realitätskonzept, das nur mehr der ästhetische Gestus aufrechterhielt…“
Schuh zitiert auch Peter Altenberg:„Sein eigenes Leben nicht ernster nehmen als ein Stück von Shakespeare! Aber auch nicht minder ernst! Sich von dem Leben in Besitz nehmen lassen wie im Theater. Das Theater des Lebens. Der ideale Zuschauer seiner selbst zu sein! Ganz drin sein und dennoch aus den facheusen Complicationen herauskommen können in die frische Nachtluft, erlebt haben, was man nicht erlebt hat, nicht erlebt haben, was man erlebt hat!“

Ich habe einen relativ großen Freundes- und Bekanntenkreis. Verblüfft stellte ich eines Tages fest, dass nur sehr wenige von ihnen gebürtige Wiener sind. Unlängst hatte ich einen Dolmetscher aus Schottland zu Gast und der gab mir den Rat: „Schreibe in Englisch. Deutsch ist weltweit ohnedies insgesamt nur mehr ein aussterbender Dialekt. Ich hingegen werde vom Nord- bis zum Südpol fast in jedem Land verstanden. Aber in welchem Land verstehen die Leute Deutsch?“ Ich fragte mich: Und wozu setze ich mich dann überhaupt noch mit Fragen des Wiener aber auch anderen Dialekten auseinander? Der Spezialform eines Dialektes eines Dialektes? Nachdem er gegangen war, drehte ich den Fernsehapparat auf. Eine Reporterin fragte im Rahmen einer Reportage ein Schulmädchen: „Du findest immer alles geil. Was heißt eigentlich geil?“
Das Mädchen überlegte nur kurz und antwortete: „Das ist die englische Übersetzung für cool.“

Doch zurück zu einigen Besonderheiten des Wiener Dialektes: Habe die Ehre, Gschamster Diener, Servus. Die Übersetzung für Gschamster lautet übrigens Gehorsamster… Gehen wir es schön pomali an, weil es pressiert nicht. Helmut Schneider und Ursula Rotter schrieben: „Das Wienerische ist sicher auch Werkzeug einer Inhumanität (Vgl. die liebevollen Ausdrücke für Fremde, von Neanderl über Gscherte, Tschuschen bis zu den Bloßhapperten.).“ 1966 gab der pensionierte Kriminalbeamte J.M. Burnadz im Verlag für polizeiliches Fachschrifttum ein Wörterbuch der Wiener Gaunersprache heraus, zu dem Peter Wehle, Autor des Buches „Sprechen Sie Wienerisch? – Von Adaxel bis Zwutschkerl“ feststellte „Zwei Drittel der Wörter stammen aus dem Bereich des Pornografischen…“ Burnadz selbst schreibt in seinem Vorwort ganz uneitel, „doch kann das Werk für die praktische Arbeit des Kriminalisten nicht hoch genug eingeschätzt werden…“ Auf der Home-Page http://www.physiologus.de/penis-w.htm werden von „achl“ über „beidl“, „biaschtnpinsel“, „damenstift“, „hallawachl“, „oaschwuazn“, „rassel“, bis zu „wunderblume“ über 300 Wiener Ausdrücke für Penis aufgelistet und ist dabei in dieser Aufzählung nicht einmal vollständig…

Das nenn ich mir sprachliche Vielfalt! Und dieser wunderbare Dialekt soll in ein paar Jahren aussterben? Niemals!!! Apropos: Sollte jemand auf Wiener Ureinwohner treffen, die ausnahmsweise von „Büchln“ reden, sind damit nicht Bücher zum Lesen gemeint (im Durchschnitt liest laut Statistischem Zentralamt ein Wiener ein Buch pro Jahr), sondern sind es entweder
a) das Parteibuch oder
b) die Registrierkarten für Prostituierte gemeint, die aber auch „Deckel“ genannt werden…

Hofberger, Peter

Geb. am 26.10.1948 in Miesbach, Oberbayern BRD.
1957 Übersiedlung nach Wien..
Schulbesuch in der Sonderschule für sehbehinderte Kinder in Wien 15,. da seit dem sechsten Lebensmonat -auf Grund einer falschen Behandlung- stark sehbehindert. Nach mehreren Augenoperationen im Alter von 12 Jahren am rechten Auge erblindet, das linke Auge ebenfalls schwerst sehbehindert.
Nach Schulabgang vorerst als Bürohilfskraft und in der telefonischen Telegrammannahme der Österreichischen Post beschäftigt.
1973-74 ein Jahr Aufenthalt in Israel zwecks Augenoperation. Danach wesentliche Verbesserung der Sehkraft des linken Auges.
Ausbildung im Selbststudium zum Elektromechaniker mit anschl. Meisterprüfung.
Im Dienst der Stadt Wien als Werkmeister im Allgemeinen Krankenhaus tätig.
Durch zunehmende Verschlechterung des Sehvermögens aber Dienstquittierung und nachfolgend vier Jahre als Trafikant selbständig erwerbstätig.
Aus familiären und gesundheitlichen Gründen Verkauf der Trafik und Pensionierung. Die fortschreitende Erblindung machte ein weiteres Arbeiten unmöglich. Seit 2004 Übersiedlung in die Oststeiermark.

Künstlerische Entwicklung
Schriftstellerisch tätig seit 1991, vorerst mit Gedichten und kleinen Kurzgeschichten.
Gründung der Künstlerplattform „Ars Poetica“ und in diesem Rahmen diverse Auftritte in Pensionistenheimen, Künstlercafes und dgl. (Vorwiegend Cafe Schottenring)
Diese Plattform bestand aus einem Laienschauspieler, der als Leser fungierte, ein oder zwei Sängerinnen und einem Pianisten. (Irma Illavsky, Barbara Levik, Wolfgang Leidenfrost und Wolfgang Peters). Fallweise war auch eine Bilderausstellung von Frau Olga Perko, ebenfalls Autodidaktin, dabei.
Auch in der Südoststeiermark bin ich literarisch tätig, bereits zwei Lesungen im lokalen Bereich von Studenzen, Fladnitz/Raabtal.

Drei Weiden

Oder: Was uns die Bäume sagen….

Drei Weiden standen an dem kleinen Teich. Knorrig, die Stämme verbuckelt, das Geäst wirr und ausladend. So waren die drei Weiden gewachsen, gewachsen im Laufe vieler, vieler Jahre. So standen sie auch in jener Nacht im Mondlicht. Stille umgab sie, vom Teich stiegen lautlos Nebelschwaden auf und hüllten den Boden um die drei Weiden in ein graues, fast undurchsichtiges Meer. Lautlos war auch die Nacht, kein Windhauch rührte das alte Geäst, ein Sperling träumte in seinem Nest in einer Astgabel.

Da – auf einmal leise, ganz leise Schritte. Eine kleine Gestalt löste sich aus dem Buschwerk am Ufer und trat auf die Bäume zu. Ein altes, zerschlissenes Jäckchen, eine ausgebeulte Hose, ein alter Filzhut und ein knorriger Stock, auf den er sich stützte. So trat dieser kleine Mann, er maß gerade einen halben Meter, zu den Bäumen. Ehrfürchtig ob ihrer Höhe sah er an ihnen hinauf. Dann fragte er sie: „Wer seid ihr?“
Die erste Weide beugte ihre mächtige Krone zu dem Zwerg hinunter. „Ich nenne mich Hoffnung. Solange es mich gibt, träumen die Menschenkinder von einer bessern Zukunft, einer besseren Welt und einem bessern Leben. Sie hoffen auf Genesung von schwerer Krankheit, hoffen auf Reichtum und Glück. Sie hoffen auch nur darauf, dass das Morgen besser werde und ihre Not lindere. Die Hoffnung ist es, die die Menschen vorwärts streben lässt. Stillstand bedeutet Tod und Fäulnis.“
Der Waldzwerg nickte und wandte sich zu dem zweiten Baum. „Und du?“ fragte er diesen, „für was steht du da?“ Der Baum in der Mitte der dreien flüsterte leise: „Mich nennt man Liebe. Liebe, die im Herzen einer Mutter ist, die ihr Kind in den Armen hält, Liebe, die ein junges Paar zueinander finden lässt, Liebe die zwei alte Menschen in Hoffnung und Vertrauen miteinander gehen und stützen vermag. Liebe, die in jedem Herzen wohnt, eines Menschen, der reinen Sinnes und Gemüt ist. Liebe von einem Kind zu seinen Eltern, Liebe auch zu einem Haustier, das einem zugetan ist und auf den Menschen vertraut. Liebe zur Natur, zu unserer ewigen Last der Jahre, Liebe zu unserem gesamten Dasein.“
Wieder nickte der kleine Mann bedächtig und sprach zu dem dritten Baum, der rechts in der Reihe stand. „Und du, mein Freund, wie soll ich dich nennen?“erkundigte er sich. „Mich nennt man den Glauben.“ Stellte der Baum fest und beugte auch seine mächtige Krone. „Glauben an eine Hand, die uns führt, Glauben an das Gute im Menschen. Glaube an alles, was unser Herz zu erfreuen mag. Glaube auch an unsere Träume, die des nachts durch unsere Gedanken ziehen. Glauben aber auch an alles, was uns trägt, geleitet und bewegt. Ich bin der Glaube an die Schöpfung und des Weltalls, der Glaube an etwas, das wir nicht sehen, nicht greifen, nicht atmen aber etwas, das stets um und in uns ist. Glaube an das unendliche Sein und ewige Vergehen.“
Der kleine Zwerg nickte mit dem Kopf. „So habe ich die drei Bäume gefunden, die unserer Welt Halt und Zuversicht geben. Ich bin glücklich, unter eurem Geäst auszuruhen und nachzudenken.“ Sprach’s, legte sich in das hohe Gras unter den drei Weiden und schlief alsbald ein.

Sanfter Grau durchdrang die morgendlichen Nebelschwaden, ein neuer Tag erwachte. Ebenso der kleine Sperling im Geäst der Weiden, der alsbald sein Morgenlied anstimmte. Andere Vögel stimmten ein und bald war die frische Morgenluft von dem Gesang der Vögel durchdrungen. Der Tag erwachte langsam. Der kleine Zwerg erhob sich, wischte sich über seine schlafestrunkenen Lider und gähnte ausgiebig. Dann aber sprach er zu den drei Weiden: „Ihr habt meine Nacht begleitet und beschützt. Dafür danke ich euch und wünsche euch noch ein langes Leben.“ Schwenkte seinen alten Filzhut und ging seiner Wege.

Es dauerte nicht lange, da kamen fünf Holzfäller in den Wald. Sie gingen zu den drei Weiden, hoben ihre Äxte und schlugen auf die Stämme ein. Span um Span flog beiseite und die Kerben in den alten Bäumen wurden immer tiefer. Erst er eine, dann auch die zwei anderen fielen schließlich knarrend zu Boden. Verschreckt flüchtete der kleine Sperling aus seinem zerstörten Nest. Er musste sich eine andere Behausung suchen. Die drei Weiden waren gefällt. Gefällt von Menschenhand, gefällt von Wesen, denen Glaube, Liebe und Hoffnung so gut wie nichts bedeutete. Gefällt von Menschen, die eben nur drei Weiden sahen.
Drei Baumstümpfe stehen am Rand des kleinen Teiches…

Winterwunder

oder: Stau am Arlberg.

17.31 Uhr. Ungefähr sechseinhalb Stunden war es her, als Michael Lang, seines Zeichens Lokführer bei der Bundesbahn, mit seiner Maschine, einer 1044 undt einem Reisezug vom Wiener Westbahnhof abgefahren war. Es war ein trüber, kalter Wintertag, es hatte die ganze Strecke ununterbrochen geregnet, teilweise mit Schnee vermischt. Bis Linz hinauf war die Strecke nebelig, sodass er oft nur einige Meter des Schienenstranges sehen konnte. Nunja, er war ja ‚Blindflüge’ dieser Art gewöhnt, seine genaue Kenntnis der Strecke kam ihm hier sehr zugute. Ja, mit achtzehn Jahren auf der Strecke Wien – Bregenz unterwegs, da kennt man dann schon beinahe jede Schwelle, weiß wo jedes Signal steht und wo man wie schnell fahren kann.

Nun, hier aber war es mit dem Schnellfahren ohnehin vorbei. Dass die Strecke von Landeck bis St. Anton maximal sechzig Stundenkilometer vertrug, wusste er. Die Sicht aber war gleich null, dichtes Schneetreiben war vor seiner Frontscheibe. Die starken Scheinwerfer hatten keine Chance, dagegen anzukämpfen. Eine dichte, weiße Wand stand vor der Maschine. Der Tachometer zeigte fünfzig Stundenkilometer. Das Führerhaus lag in einem gespenstischen Dunkel, nur die grüne Instrumentenbeleuchtung und einige bunte Lämpchen erhellten das Gesicht Michaels. „Sauwetter,“ brummte er verärgert und starrte angestrengt und konzentriert in die weiße Wand vor ihm. Er dachte an die sechzehn komfortabel ausgestatteten Waggons hinter sich. Dort saßen nun einige hundert Fahrgäste, sie sich sicherlich keine Gedanken darüber machten, dass Lokomotive fahren Schwerarbeit war. Die saßen jetzt sicherlich im Speisewagen bei einem Bier, lümmelten in den Abteilen, lasen Zeitung oder ein gutes Buch . Draußen zog eine herrlich verschneite Winterlandschaft vorbei. Die Schneeflocken flitzten über die Fenster und man sah schemenhaft einen dunklen Wald auf der linken, eine Felswand auf der rechten Seite.

Michael blickte auf die grün beleuchtete Uhr. 17.55 zeigte sie ihm. Na sauber, achtzehn Minuten Verspätung. Die holte er nie und nimmer auf. Prüfend glitt sein Blick über die anderen Instrumente. Sechzig km/h, 350 Ampere, Zugkraft, 186 Tonnen. Alles im normalen Bereich. Druckluft für die Bremsen stimmte auch. Da – eine gelbe Lampe flitzte draußen vorbei und ein Summton ertönte. Vorsignal. Michael drückte auf die Wachsamkeitstaste, das Summen verstummte. Ganz diffus und verschwommen erblickte er das Hauptsignal Es stand auf grün. Wunderbar. Hier noch stehen bleiben zu müssen und dann die Garnitur wieder in Schwung zu bringen, das war etwas, was Michael fürchtete. Die glatten Schienen taten das Übrige um die Fahrt zu erschweren. Ein kleiner Bahnhof glitt vorbei, fünf, sechs einsame Neonlampen versuchten die Dunkelheit zu verscheuchen. Michael betätigte kurz das Signalhorn. Dann wieder Finsternis. Die Scheinwerfer versuchten erneut das dichte Schneegestöber zu durchdringen, fast vergeblich.

Kurz hinter einen langen Biegung passierte es. Einige Warnleuchten an der Instumententafel leuchteten plötzlich rot auf, zischend löste der Hauptschalter aus, das Sausen der Lüfter und der Motoren verstummte. Michael öffnete das Bremsventil und brachte die Garnitur zum Stehen. Er versuchte den Hauptschalter wieder einzuschalten – vergeblich: Zischend löste dieser wieder aus. Leise fluchte Michael in sich hinein: „Verd… das hat mir gerade noch gefehlt!…“ Seufzend erhob er sich von seinem Sessel und ging nach hinten in den Maschinenraum. Er überprüfte die Sicherungen und die Steuerventile, alles in Ordnung Er senkte den Stromabnehmer ab und ließ ihn wieder hinauffahren. Ein Blitz durchzuckte die Nacht, als er wieder die Fahrleitung berührte. Hauptschalter ein, Päng, wieder aus. Im Geiste ging er die Schritte durch, die man mit ihm am Simulator geübt hatte. Die einzig mögliche Ursache war hier eigentlich Vereisung.

Er kletterte von der Maschine. Knietief stand der Schnee neben den Geleisen. Sofort waren seine Schuhe voll mit der weißen Pracht. Wer träumte da noch vom Winter??? Er stapfte um die Maschine um zu sehen, wie weit das Fahrwerk vereist war. Nahm einen Hammer und klopfte da und dort dicke Schneebrocken vom Fahrwerk. Da hörte er es auf einmal. Ein ganz klägliches Miauen. Langgezogen und voller Verzweiflung. Er nahm seinen starken Handscheinwerfer und leuchtete in die Richtung, wo das Geräusch herkam. Nichts als Schneetreiben. Da, wieder: „Miauuu!“ Suchend sah er sich um. Das kam doch unter der Maschine hervor. Er leuchtete darunter. Und da sah er es: Ein winzig kleines, rot – weißes Kätzchen war zwischen den Schienen unter einem Stein eingeklemmt. Er kletterte unter die Maschine und befreite ein nasses, zitterndes kleines Fellbündel aus seiner misslichen Lage. „Ja was ist denn mit dir los?“ fragte er das Tierchen, das sich schutz- und wärmesuchend an ihn drückte. Keine Antwort, nur ein leises Schnurren war zu hören. Er nahm das Miezekätzchen und stieg mit ihm auf die Lokomotive. Übers Zugtelefon rief er den Zugbegleiter nach vorne. Dieser kam alsbald mit einer Lampe durch den Schnee gestapft und fragte, was los ist. „Vereisung.“ Klärte ihn Michael auf. „Aber schau, was ich gefunden habe. Nimmst du es mit nach hinten und versorgst es im Speisewagen. Der Koch wird sicher etwas Milch und was Fressbares für das Viecherl haben.“ Der Zugbegleiter nahm vorsichtig das nasse Kätzchen und trug es nach hinten.

Michael stieg wieder auf die Maschine um über den Zugfunk eine Hilfslokomotive herbeizurufen. Vorerst aber probierte er noch einmal, die Lokomotive in Gang zu bringen. Er drückte auf die Taste die den Hauptschalter betätigte und siehe da, es funktionierte. Dröhnend sprangen die Lüfter wieder an und die Instrumente zeigten wieder einen normalen Betriebszustand an. Die roten Lampen waren erloschen. So konnte Michael seine Fahrt fortsetzen. Er drückte auf das Horn – zweimal. Dann öffnete er das Fenster und wartete auf das Abfertigungssignal des Zugbegleiters. Bald sah er ihn eine grüne Lampe schwenken und drehte sachte am Fahrschalter. Der Zug setzte sich in Bewegung.

Langsam erreichte die Garnitur wieder die normale Fahrgeschwindigkeit und der Zug strebte Bludenz zu. Das Schneegestöber war zwar genau so dicht wie vorher, Michael aber war auf eine erstaunliche Art fröhlich. Hatte er sich doch schon immer mit dem Gedanken getragen, sich ein Kätzchen zu nehmen, für die einsamen Abende zu Hause. Nur war immer der Gedanke da: Wer pflegt es, wenn ich auf Tour bin ?
Da kam ihm ein Gedanke: „Michi, warum ist die Maschine gerade da stehen geblieben, wo das Katzerl in Not war?? Lange hätte es da nicht mehr unter dem Stein ausgehalten. Und wer weiß, vielleicht hätte es ein anderer Zug überfahren, wenn es sich aus dem Stein befreit und auf die Schienen geklettert wäre. Es war ein Wink des Schicksals. Er griff zum Handy und rief seine Mutter an. Er erzählte ihr von dem ’Wintermärchen’ und fragte sie, ob sie, da sie ja im selben Haus wohnte, das Kätzchen versorgen würde, wenn er auf der Strecke war. Die Mutter, sie war eine warmherzige und hilfsbereite Frau, versprach es Michael. „Dann bringe ich das Kätzchen mit nach Hause.“ War Michaels Entschluss klar.

Die Fahrt bis Bregenz verlief in weiterer Folge ereignislos, abgesehen von den zweiundzwanzig Minuten Verspätung, die er im Berichtbuch als technische Störung eintrug.
Tags darauf fuhr Michael mit dem selben Zug ohne irgendwelche Besonderheiten an einem wunderschönen sonnigen Wintertag zurück nach Wien. Im Speisewagen schlummerte, in einer mit Handtüchern ausgelegten Schachtel, ein glückliches kleines Kätzchen…

Lang, Werner

1955 geboren in Hönigsberg/Steiermark. Ist gelernter Schlosser und Obmann vom „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“. Veröffentlicht regelmäßig in der Zeitschrift „Tarantel“ (Zeitschrift für Kultur von unten).
Veranstaltungen bei MEL Kunsthandel in Wien.

Szenische Versuche eines Arbeiterschriftstellers

Zatropelnik

Vorwort: Das schlechteste Deutsch. Für keinen. Ein Lied. Also schwieg Zatropelnik.

Vorrede: Als Zatropelnik fünfzehn Jahre alt war, holte ihn die Fabrik, bis sie ihn ausstieß als Fremden mit dreißig Jahren. Nun bin ich alleine und müde geworden, sprach Zatropelnik zu sich. Ausgestoßen von den Anderen, muss ich weitermachen. Nur jetzt durchflutet von fremdem Geschrei und nicht mehr leer von Gedanken wie früher einmal. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Der Nachbar. Zatropelnik verließ, an seinem letzten Tag, früher als sonst die Fabrik. Zum letzten Mal, dachte er sich. Auf einmal stand sein Nachbar vor ihm. Sah ihn nicht an und sprach durch ihn durch: Nicht fremd ist mir dieser Zatropelnik, es ist was in mir von ihm, aber er hat sich verwandelt, so schwarz war er noch nie. Da wurde er größer und schrie: Früher spieltest du Fußball und trankst Bier und wurdest gelb, rot, grün, oder blau, so wie man es verlangte von dir. Auf einmal wurde er leise und mild: Wie im Meer lebtest du unter uns, und wir dachten für dich und du machtest alles für uns bis zum Schluss. Jetzt musst du eigene Pfade gehen, andere werden sich deiner bemächtigen du wirst sehen. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Natur. Fünfzehn Jahre stand Zatropelik in der Fabrik und schwieg. Von seinem Platz aus konnte er durch das Fenster Kransäulen sehen. Wenn die Sonne kam, blendete sie ihn bei seiner Arbeit und er musste sich weg drehen. Wenn der Abend kam, durfte er gehen. Nach Hause. Sagte er immer dazu: Der Mensch ist was ihn gerade umschließt. Der Mensch ist alles. Hörte er einmal flüstern von wo. Danach setzte er sich in den nächsten Zug und fuhr weg.

Leere

Die Reise. Als alle sagten, Zatropelnik geh, ging Zatropelnik, und sie gaben ihm nichts mit auf die Reise, sondern löschten ihn aus hinter sich. Dann kam er zu Menschen, die fremd waren für jeden, und sagten zu ihm: Du kennst hier niemanden, also sei so wie wir, damit alles so bleibt und wird, wie wir es erdachten und planten vor einiger Zeit. Der Mensch ist was ihn gerade umschließt. Der Mensch ist nichts. Also sprach Zatropelnik und ging.

Leere

Das Geheimnis. Nach langer Reise kam Zatropelnik zum großen Geheimnis. Bewacht von vielen, die so waren wie er. Darin verschwanden lachende Männer und kehrten nimmermehr. Was ist das, was alle so glücklich macht hier, sprach Zatropelnik zu den vielen, die so waren wie er. Geh weg, Zatropelnik, es ist nichts für dich, sprachen alle Bewacher zugleich. Da sprang Zatropelnik über den Zaun. Dahinter standen große Wörter in Leuchtschrift, ganz grell. Es las sich wie: Kapital und Profit müssen frei sein von allem. Gold und Papiergeld gibt dir Demokratie. Rente und Staatsschulden erhalten deinen Wohlstand auch in Zeiten der Not. Und sei auf der Hut, sonst zahlst du mit Blut. Dann kamen die Wächter und holten ihn weg und sagten ihm trocken mit lachendem Gesicht Dir wird keiner jemals glauben, was du hier sahst, darum lassen wir dich gehen. Laufe schnell um die Ecke und bleibe nicht stehen, sonst holen dich die Hunde, die im Dienste hier stehen. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Die Gebildeten. Man spottete Zatropelnik einen Dummen, der nie einen Satz richtig verstand, und man erklärte ihm die Welt und den Menschen, und wie er ist zueinander und was er zu tun habe, um so zu werden, wie sie es wollten. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Der Gleiche. Da kam einer des Weges, den nannten sie Gleicher. Der lehrte mit Inbrunst: Der Mensch ist nicht gleich. Er fühlt sich aber nur wohl unter Gleichen, darum schickt er sich gegenseitig ins Irrenhaus. Ich bin nicht von den Menschen erdacht und gemacht, um zu denken, sprach da Zatropelnik auf einmal. Siehst du nicht meine Hände, sie geben euch Leben und Zeit. Stört nicht den Plan meiner Eltern und erweckt mich zum Leben, sonst gehen wir zugrunde zugleich. Also schwieg bald darauf Gleicher und ging.

Leere

Hinterweltler, vom Lehrstuhl in Auftrag gegeben. Wäre ein Dieb anwesend, Zatropelnik würde ihn nicht erkennen, auch wenn der Dieb sagen würde: Ich bin ein Dieb. Müdigkeit liegt bei Zatropelnik zwischen Arbeit und Schlaf. Einsager erklären ihm ständig, was wahr ist und falsch. Wenn er lacht, fühlen sie sich genarrt und geprellt. Wenn er weint, fühlen sie sich bestätigt. Je gehorsamer er ist, desto ungehorsamer kann man ihn hinstellen vor den anderen. Weil alle Menschen gleich sein könnten, zertritt man Zatropelnik schon kurz nach der Geburt, damit er stumpf wird und dumm. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Hinterweltler. Er kennt viele Hallen mit Eintritt verboten, und Kammern mit Ausgang zum Hof, wo Dreck und Arbeit versteckt werden vor vielen, damit sie nicht sehen müssen, aus was die Welt ist gebaut. Er kennt keine Hallen mit Zierat und Gold und Kammern voll Speise und Trank, wo Kunst ist und Leben, damit sie nicht sehen müssen, wer ihre Ideen verwirklicht.

Leere

Die Weissagung. Dumm seid ihr und falsch, so redet der, der bestimmt, was klug ist und richtig. Seid doch vernünftig, es hat alles Sinn, so redet der, der die Macht hat. Das stimmt, es hat einen Sinn, wenn ein Bettler kniet in einer Ecke und weint und sich nicht einfach nimmt, was er braucht, und es ist auch vernünftig. Du sollst stammeln und weinen und danke sagen, Zatropelnik, wenn dich ein Kuchen erreicht, sagte ihm einer, der hässlicher war als er.

Leere

Vom Hineintreiben. Komm, sei Volk und Nation, stelle dich vorne hin und sei stark, ruft man Zatropelnik zu, wenn es bergab geht. Nichts und niemandem sei dank und geh deiner Wege, rufen sie dann, wenn alles vorbei ist. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Individualismus. Zatropelniks Auge sah, dass ein Jüngling ihm nicht auswich, so wie die anderen, und als es sich ergab, zwischen Straße und Hauswand, da sprach der Jüngling ihn an. Sag, wie musst du frei sein und glücklich, so alleine, wie du bist unter allen. So Ist es nicht, sagte darauf Zatropelnik ganz leise. Jeder lässt sich auf mir nieder, und alles geht durch mich durch, wie selbstverständlich. Ich bin es nämlich, der immer wieder verändert werden muss, weil er niemanden passt. Habe keine Angst, antwortete der Jüngling geschickt. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Von den Predigern. Einmal bemerkte Zatropelnik Männer mit großen Köpfen und Bärten so lang, die wegliefen wie Hühner, als er ihnen zu nahe kam. Einen fasste er bei den Schultern und fragte ganz mild: Was macht ihr den so? Da blickte der Mann auf den Boden und redete vor sich hin. Schließe dich uns nicht an, Zatropelnik. Gegen was sollen wir predigen, und wie sollen wir jemals verändern die Welt, wenn unser Feindbild in uns eindringt und sagt, ich bin falsch? Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Vom Weibe. Als Zatropelnik in eine Stadt kam, mit Häusern zu groß, standen Frauen auf den Straßen und sagten zu ihm, komm mit uns. Und Zatropelnik ging mit. Dabei verlor er sein letztes Erspartes sehr schnell. Danach kam zu ihm ein Weib mit Wächtern im Geleit und sagte ganz streng: Ich habe dich öfters gesehen bei Margit und Irmi und Nelli und Glyde, die sprachen vor kurzem mit mir und sagten, du hättest kein Geld, was willst du noch hier? Und so sprach Zatropelnik vom Glück, dass es wo sein müsse, wenn jeder es kennt. Du siehst nichts und denkst falsch so wie jeder Mann hier. Sprach das alte Weib jetzt mit Bedacht. Verlass diese Stadt, hier hat noch nie wer sein Glück gemacht. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Vom Krieg. Komm Zatropelnik, ziehe mit uns, sei vernünftig und klug, wir zahlen auch ganz gut. Du brauchst nur zu töten und schreien: Hurra, und was noch lebt und kriecht, nimm es dir ruhig, wenn du denkst, es geht anders, dann wirst du sehen, es braucht dich kein Mensch, du wirst mit den anderen zugrunde gehen. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Von der Macht. Da spürt Zatropelnik, einer kriecht in ihn hinein. Er setzt sich ins Gehirn und macht sich seinen Reim. Er wächst und wird größer und stülpt alles um. Er nährt sich von Zatropelniks und schreit wild herum: Nicht mehr mit uns! Da steht er nun und sieht nach was aus, er öffnet den Mund und schreit: Macht! Und speit alle Zatropelniks aus. Also schwieg Zatropelnik und ging.

Leere

Vom Schatten. Einmal sah Zatropelnik seinen Schatten, ganz kurz. Er lag über ihm in der Nacht. Und Zatropelnik wurde zur Wand, und er hatte sich nichts daraus gemacht.

Leere

Die Gaukler. Gleich neben der Wand war ein Markt, der hieß Hoffnung und Freude. Der war voll von Gauklern mit riesigen Köpfen die schrien: Seht nur die Seiltänzer, wie sie fallen zuhauf, die können nichts sein, haut auf sie drauf! Da sah man Seile gespannt, ganz hoch. Darauf Massen von Tänzern, Rücken an Rücken gedrängt. Jeder den anderen stoßend oder haltend, wer weiß, aber sicher zu Tode stürzend, wie es ein jeder sah und nicht zu sagen getraute. Denn: Wir machen die Welt, sagten die Gaukler, und die ist gut. Wer darin nicht leben kann, ist selber schuld oder hat keinen Mut.

Leere

Über Kunst. Das wahre Paradies liegt in der Künstlichkeit, schrien die Gaukler voller Eitelkeit, und zeigten auf eine Leinwand, befestigt direkt über der Wand. Und jeder von ihnen stammelte wie verliebt: Seht dort, wo sich ein Bild über das andere schiebt, das einem jeden von euch den Sinn des Lebens gibt. Da stieg der Schatten herunter von der Wand und ging.

Leere

Die letzten Worte eines abgestürzten Seiltänzers: Endlich. Da wusste der Schatten wieder, wer er war, und wurde zu Zatropelnik und schwieg.

Leere

Der Zauberer. Da hüpfte einer daher und schlug Wortspiralen in den Wind. Er sah Zatropelnik und stellte sich vor: Mein Name ist Thor. Pass auf, Zatropelnik, ich zeige dir was, jetzt ist alles gelb und dann rot und dann grün und dann blau, so wie es mir passt. Da schwieg Zatropelnik und ging. Von da an hasste der Zauberer Zatropelnik zu Tode.

Leere

Ich auch. Da lebe ich nun zwischen Bahnhöfen und Fabriken. Nicht Erleuchtung ist’s, was mir jemals erschien, sondern nur Straßen mit blankem Gestein. Darauf werde ich nun schlafen und träumen, und mir nehmen meine Nacht.

Wo das Gesetzt herrscht, das heißt: Für die Arbeit gemacht, dringt kein Zufall mehr ein, der uns raushebt zum Atmen. Was bleibt, ist die Nacht.

Die Erlösung. Niemand sah Zatropelnik am Weg. Am Ende vom Weg liegt Vergessen.

Leere

Ein Esel bepackt ganz hoch mit Falschem und Fremdem aus vergangener Zeit findet Zatropelnik tot unter Eisen und Staub. Er riecht am Körper und schreit: Ja, ja. Wirft ab alle Last und geht seine Wege.

Da kommen die Gaukler von früher gelaufen und schlagen den Esel tot. Danach gehen sie hinauf auf die Straßen und Plätze und schreien: Hängt hoch die Fahne des Esels, er machte uns weise und groß! Ja, Ja.

Rudas, Thierry

Thierry Rudas, geboren 1993 schreibt über sich: „Ich lese gerne, mache auch gerne Sport und bin zu diesem Wettbewerb 1 gekommen, indem unsere Schule uns sozusagen angemeldet hat. Seit fünf Jahren bin ich Schüler der Walz und beende die Schule im Juni 2012.“

1: Thierry Rudas hatte mit seinem Text „Die Legende“ am Literaturwettbewerb für junge AutorInnen „Schreibkraft“ 2011 teilgenommen.

Die Legende

Das Boot ächzte und schaukelte leicht, wiegte sich im Spiel der Wellen. Mit jedem Ruderschlag entfernten sich die beiden alten Männer immer weiter von der kleinen, kargen Insel, von der sie kamen. Einer saß gebeugt, in den weiten Mantel gehüllt, das zerfurchte, wettergegerbte Gesicht von einer ausgefransten Kapuze bedeckt, die runzeligen Finger ineinander verschlungen und die Füße in den schweren Fischerstiefeln wippten auf und ab.
Der andere, kleiner von Statur, ruderte. Er mühte sich ab, ächzte bei jedem Schlag, um schlussendlich von seinem Freund mit einem leichten Tippen an der Schulter gestoppt zu werden.
„Genug. Wir sind da“, brummte er.
„Seit unserer Kindheit versuchst du nun, diesen Fisch zu fangen, Bragi, und keiner deiner Versuche war ein Erfolg. Wieso fangen wir nicht einfach ein paar Makrelen, davon können wir wenigstens leben?“
„Weil ich es schaffen kann! Und jetzt gib mir das Netz.“
Kopfschüttelnd gab Dorm seinem Freund Bragi das große Netz. Es war feinmaschig geknüpft und eignete sich eher für kleine Fische als für den großen, mehrere Zentner schweren Brocken, für den sie hergekommen waren.
„Du weißt, dass es eine alte Legende ist. Den Fisch gibt es nicht. Und falls doch, wieso sollte er ausgerechnet zu uns kommen? Seit siebzig Jahren helfe ich dir nun jede Vollmondnacht. Deine Frau denkt schon, du wärst verrückt. Komm doch zur Besinnung und lass den Fisch.“ Dorm legte dem Freund die von Altersflecken gezeichnete Hand beruhigend auf die Schulter und lächelte.
Doch Bragi schüttelte nur den Kopf, verzog das Gesicht, schob sich an seinem Freund vorbei. Dann brummte er etwas und ließ das Netz in das tiefschwarze Nass gleiten.
Nun hieß es warten.
Dorm setzte sich auf den Bug des Ruderbootes, blickte hinauf in die wolkenlose Nacht und versuchte, die Sterne zu zählen. Doch es waren keine zu sehen, obwohl der Himmel klar war. So nahm er den Bottich, tauchte ihn in das Wasser und stellte ihn wieder neben sich. Das Wasser war für den gefangenen Fisch.
Sein Freund Bragi stierte stumm in das Dunkel, hielt den hölzernen Griff des Netzes mit beiden Händen fest umklammert und regte sich nicht.

In den siebzig Jahren der Jagd nach dem Geisterfisch hatte Dorm gelernt, sich die Zeit zu vertreiben. Laut dürfe er dabei nicht sein, hatte ihm Bragi einmal gesagt, da dies die Fische verschrecke. Der alte, grauhaarige Mann machte es sich gemütlich, hüllte sich in seinen warmen Mantel und schlief ein.
Während sein Freund schlief, verharrte Bragi regungslos auf seinem Platz. Auch das Schaukeln schien ihn nicht aus seinen Gedanken zu holen. Das Holz knackte und der kalte Mond spiegelte sich in den trägen Wellen. Die Luft roch nach Regen, doch die Wolken ließen sich noch nicht blicken.
Sein Wunsch, den Fisch zu fangen, hatte in seiner Kindheit Besitz von ihm ergriffen, doch mit den Jahren wurde aus Wunsch Wahn. Die aufgesprungenen Lippen bewegten sich stumm und formten unbekannte Worte. Seine kleinen, stechend blauen Augen zuckten unstet umher, suchten im Wasser nach Fischen. Nach dem einen Fisch.
Der Legende nach war es ein Stör, größer als drei Mann, mit messerscharfen, diamantähnlichen Zähnen. Sowie schlauen Augen, die jede Falle wahrnahmen. Seine Flossen waren geformt wie Engelsflügel und die Spitze der Schwanzflosse war dreifach haselnussgroß durchlöchert.
Viele Fischer erzählten, sein Bauch sei gefärbt wie der schönste Regenbogen. Andere sprachen von Gräueltatendes Fisches und wie er einen Matrosen verschlungen hatte. Doch Bragi wusste, dieser Fisch war nicht zu fangen. Er war zu gerissen, um einem einfachen Angler ins Netz zu gehen. Außerdem hatte diese Legende schon seit Jahrzehnten Bestand. Ein Fisch, der in so vielen Jahren nicht gefangen werden konnte, musste ganz besonders sein. Für ihn war er wie ein lang bekannter Freund. Ein einzigartiges Lebewesen, das er noch nie zu Gesicht bekommen hatte. So ruderte er jede Vollmondnacht hinaus, um seinem Freund einen Besuch abzustatten.

Bragi starrte auf die ruhige See. Zum ersten Mal an diesem Abend, seit er begonnen hatte das Netz zu halten, bewegte er den Kopf. Er ließ den Blick über den Himmel gleiten und kurz auf dem strahlend leuchtenden Mond verharren, der ihn wie ein Mitstreiter bei seiner Suche begleitete, ließ ihn hinüber zu der kleinen Insel streifen, auf der er mit seinem Freund Dorm aufgewachsen war. Dann schaute er hinüber zu seinem schlafenden Freund. Dieser lag zusammengerollt auf dem Boden, die Beine angewinkelt und das Gesicht unter der Kapuze verborgen.
Bragi kauerte am Rand des Bootes und blickte erwartungsvoll in das Wasser.
Plötzlich spürte er einen leichten Stoß. Etwas ruckelte im Netz.
Freude stieg in ihm auf, schon wollte er jubeln, als er bemerkte, dass es bloß ein Weißspitzenhai war. Der Räuber war auf der Suche nach Futter und vermutete im Netz kleine Fische. Verärgert warf Bragi den kleinen Raubfisch mit einem Ruck aus dem Netz. Daraufhin begann das kleine Boot zu schaukeln und der alte Dorm erwachte. Verschlafen schob er sich die Kapuze vom Kopf und blickte seinem Freund in die Augen. Dessen erzürnter Blick überraschte ihn.
„Was ist passiert?“, fragte er.
„So ein kleiner Hai ist mir ins Netz gegangen, also hab ich ihn vertrieben. Die kann man hier nicht gebrauchen. Verjagen einem bloß den Fang“, kam brummelnd die Antwort.
Dorm nickte.
„Ach so. Hast du schon etwas gesehen? Eine Flosse, oder ein Schimmern?“
„Nichts“, war die karge Aussage Bragis.
„Also wie immer. Es hat sich nichts geändert“, murmelte Dorm leise vor sich hin.
Bragis Blick wanderte unstet von einem Punkt zum anderen. Doch er konnte nichts erkennen.
Mit einer sachten Bewegung fischte Dorm ein in eine Stoffserviette eingewickeltes Stück Schokolade aus seiner Manteltasche heraus. Vorsichtig zog er die Serviette herunter und brach eine Rippe ab. Er hielt sie Bragi hin, welcher die Geste nicht registrierte.
„Da, nimm. Wenn wir, wie immer, die ganze Nacht hier sitzen, wirst du etwas essen müssen. Sie ist süß. Du wirst sie mögen. Du hast sie schon immer gemocht.“
Bragi drehte sich zu seinem Freund um und lehnte dessen Angebot ab.
„Nein, ich will nichts. Danke.“
Bragi war abwesend, immer auf der Suche nach seinem Fisch.
Dorm seufzte: „Wenn du nichts isst, wirst du einschlafen, dann verpasst du deinen Stör. Und das alles nur, weil du nicht auf mich hörst. Also, da nimm und iss jetzt.“
Die faltige Hand hielt ihm das Stück Schokolade wieder hin. Widerstrebend nahm Bragi das Dargebotene, ohne auch nur eine Sekunde seinen Blick von der Wasseroberfläche abzuwenden. Dann stopfte er sich die Süßigkeit in den Mund, kaute sie ein paar Mal und würgte sie hinunter.
Dorm hatte seinen Freund beobachtet und schüttelte kaum merklich den Kopf. Er lächelte.
Seit siebzig Jahren fuhren die beiden nun jede Vollmondnacht hinaus auf das Meer.
Seit siebzig Jahren versuchte Bragi, diesen Fisch zu fangen.
Doch seit mehr als zweihundert Jahren gab es bereits die Legende von dem Fisch, der bis jetzt noch nie gesehen worden war.
Träume sollte man verfolgen. Aber es sollte nicht umgekehrt sein.
Dann würde der Traum zum Wahn werden. Genau dies war Bragi widerfahren. Er hatte seit seiner Kindheit versucht, einen Wunsch zu fangen, doch dieser Wunsch hatte ihn alles gekostet. Nicht, dass er obdachlos und arm wäre, doch seine Freundlichkeit und Offenheit waren gealtert, wie er.

Dorm steckte sich noch ein kleines Stück Schokolade in den Mund, dann verstaute er den Rest in seinem Mantel und legte sich wieder hin. Diesmal blickte er in den Himmel, dachte an die Erlebnisse aus seiner Kindheit. Wie Bragi ihn gerettet hatte, als sie auf einen Baum geklettert waren, weil der Nachbarshund sie gejagt und Bragi ihn auf flinken Füßen weggelockt hatte. Oder als der alte Bauer sie wüst beschimpft und anschließend ihren Eltern erzählt hatte, sie hätten seine Kühe freigelassen, war auch Bragi derjenige, der sich vor ihn gestellt hatte. Bragi hatte seinem Freund mehr als einmal geholfen. Er hatte die Schuld immer auf sich genommen, war nie wütend auf ihn gewesen und hatte ihn beschützt. Selbst als die vier gefürchteten Jarskön Brüder auf Dorm losgegangen waren, kam Bragi herbeigeeilt und warf sich den Angreifern mutig entgegen.
All diese Erlebnisse hatten die Freunde zusammengeschweißt und auch nach siebzig Jahren vergeblicher Versuche unterstützte Dorm seinen Freund noch immer bei seiner Aufgabe. Doch all die heroischen Charakterzüge, die Bragi ausgemacht und als guten Menschen gekennzeichnet hatten, waren mit den Jahren verblasst, wenn nicht gar gestorben. Zurück geblieben war ein stummer, wortkarger und abweisender, alter Mann, der von seinem Wahn getrieben, jeden Monat mit Warten auf den Legendenfisch verbrachte.
Traurig schlief Dorm wieder ein.

Bragi stierte noch immer in das tiefschwarze, eisigkalte Wasser. Es war eine kühle Nacht, doch der alte Mann schien nichts zu bemerken, nichts zu fühlen. Er kaute nervös an seinen aufgeplatzten Lippen, kratzte seine Hände, sein Blick glitt immer wieder über das Wasser. Seit siebzig Jahren versuchte er nun, diesen Fisch zu fangen, kein Versuch war erfolgreich gewesen.
Seit zweihundert Jahren hatte man es mit Brot, mit Eiern, sogar mit kleinen Fischen versucht, aber dieser Stör war etwas Besonderes. Etwas Einzigartiges. Man konnte ihn nicht mit gewöhnlichen Dingen ködern. Sie mussten genauso beachtenswert sein wie er selbst.
Da durchfuhr es Bragi wie ein Blitz. Er hatte einen Einfall! Das war die Idee! Wieso war er nicht schon früher auf den Gedanken gekommen?!
Er hob das schwere Netz zurück ins Boot, legte es neben sich auf den Boden.
Dann streifte er mit seiner linken Hand den goldenen Ehering von seinem Finger und begutachtete ihn im Schein des Mondes.
Dies war ein außergewöhnlicher Köder!
Vorsichtig legte er den hell schimmernden Ring in das feinmaschige Netz und ließ es ins Wasser hinab.
Das Licht des Mondes reichte bis zu dem Ring und ließ ihn strahlen wie einen Stern. Bragi stand auf, um besser sehen zu können. Seine Augen funkelten und sein Blick schnitt förmlich durch das dunkle Nass.
Es war vollkommen still. Sogar die vorher sacht an das Boot schlagenden Wellen waren verstummt. Bragi hörte seinen aufgeregten Herzschlag, das Blut pochte laut in seinem Kopf.
Da vernahm er es.
Das Gleiten einer Flosse, gefolgt von dem Klang sich überschlagenden Wassers.
Er wusste, er war es.
Der leuchtende Köder hatte den Erfolg gebracht.
Die Rückenflosse des Störs schnitt durch das Wasser und kam immer näher auf das Boot zu. Bragi machte sich bereit, das Netz augenblicklich hochzureißen.
Da sah er ihn.
Als riesigen Schatten. Der Fisch schien eine helle Aura um sich zu haben. Schwungvoll stieß er an das Boot. Wollte er austesten, wie hartnäckig der Fischer war?
Durch den Schlag erwachte Dorm. Er blickte sich um, erhob sich, sah die Wellen und die Rückenflosse des Fisches.
„Ist er das?“, fragte er aufgeregt.
„Ja natürlich ist er das. Siehst du ihn nicht? Wie schön und anmutig er ist.“
Dorm hielt den Bottich bereit. So verharrten sie. Dorm sitzend, den Bottich in beiden Händen von sich gestreckt, Bragi mit den Armen erhoben und das Netz leicht ins Wasser haltend. Der Mond spiegelte sich in der ruhigen See, sein Bild wurde dann jedoch verzerrt, als der Fisch erneut auf die beiden zusteuerte.
Bragi riss Dorm den Bottich aus der Hand und brüllte seinen Freund an: „Siehst du nicht, dass dieses prachtvolle Tier nicht hinein passt? Komm her und pack ihn, sobald ich ihn im Netz habe!“
Sofort war Dorm auf den Beinen.
Als das Tier näher kam, beugte er sich hinunter, über den Bootsrand. Er sah das majestätische Tier kommen.
Der Stör näherte sich. Er sah das Funkeln des Ringes. War davon gefesselt. Und geködert. Der Fisch verfing sich im Netz.
Das war der Moment! Bragi zog mit aller Kraft das Netz zum Boot.
Die Legende war gefangen.
Nun konnte er ihn bewundern. Die schönen, ebenmäßigen Rückenplatten, die Flossen, engelsflügelgleich, und den erhöhten Rückenkamm, aufgespannt wie ein Segel. Dann sah er auch die drei Löcher in der Schwanzflosse.
Dorm umklammerte den großen Fisch mit all seiner Kraft, doch er war zu schwer und drohte ihm zu entgleiten. Schnell packte auch der stärkere Bragi das prachtvolle Tier.
Der Stör zuckte kraftvoll umher, wand sich wie eine Schlange und schlug mit der Schwanzflosse auf den Rumpf des kleinen Bootes. Dorm verließ die Kraft. Die schnellen Bewegungen des Fisches schleuderten Dorm in das eisige Wasser und er versank darin.
Als er auftauchte, schnappte er geschockt nach Luft.
„Schnell komm wieder her. Ich habe ihn gleich!“, rief Bragi.
Bragi kämpfte noch mit dem Fisch. Dorm schwamm so schnell er konnte, doch die altersschwachen Arme trugen ihn nicht bis zum Boot. Seine Kleidung hatte sich vollgesogen und wurde immer schwerer. Am Bug angekommen, schlug ihm das vom Kampf aufgewühlte Wasser entgegen.
Kraftlos griff Dorm nach dem Boot. Doch mehr als siebzig Jahre des Lebens forderten ihren Tribut. Seine Kraft war aufgebraucht. Er konnte sich gerade noch über Wasser halten.
„Hilf mir!“, rief er. „Hilf mir!“
Bragi war wie besessen. Er war hin- und hergerissen zwischen der Erfüllung seines Traumes und der Rettung seines Freundes.
„Ich habe ihn gleich. Hörst du. Ich habe ihn gleich!“, rief Bragi.
Bragi kämpfte mit dem Fisch, Dorm mit dem Tod.
Der Fisch zappelte und schlug mit den Flossen. Sein Maul öffnete sich, so als wollte er um Hilfe rufen.
Die Situation war aussichtslos.
Bragi war von seinem Wahn beseelt und dieser verlieh ihm die nötige Kraft, um das Ungetüm an Bord zu ziehen.
Dorms Hände rutschten vom Bootsrand und sein Kopf glitt unter Wasser.
Bragis Blick fiel auf seine Hand und er sah die Narbe, die ihm der Hund zugefügt hatte, als er Dorm beschützt hatte. Der Hund war zu schnell für ihn gewesen und hatte ihn am rechten Arm erwischt. Der Biss war zwar verheilt, doch die Narbe war geblieben.
Dann schaute er auf die Wasseroberfläche und rief: „Dorm, wo bist du?“
Entweder fing er den Fisch und kehrte ohne Freund zurück, oder er rettete Dorm und sein Traum zerplatzte. Mit trauriger Miene schaute er zu dem Ertrinkenden. Dessen Arme ruderten nur noch schwach und schließlich versank er zur Gänze.
Der Fisch war in zweihundert Jahren nicht gefangen worden, doch nun hatte sich Bragis Traum erfüllt und er hielt ihn in Händen.
Vielleicht sollte der Fisch nicht gefangen werden …

Er öffnete die Arme und griff nach seinem Freund.

Vogt, Raphael

1976: in Freising geboren; erste Schritte in München
1993: Praktikum in einem Grafikbüro
1994: Symposion Weissenseifen mit Schwerpunkt Zeichnung und Malerei, Bildhauerei, sowie Literatur
1995: Steinmetzlehre; parallel dazu erste Ausstellungen freier Malerei
2000: Heilerziehungspflege im Behindertenbereich ( für die Butter auf das Brot )
2003: Soziales Filmprojekt mit der Regiestudentin Julia Aigner
2004: Kamerabühnenpraktikum beim ndF München; erster Drehbuchentwurf nach einer bislang unveröffentlichten Erzählung
2006: „über Wasser halten“ durch Hausmeisterei, Badeaufsicht und Kontemplation über „die Tiefe des Beckens“
2008: Weblog arts united – creative blog zu eigenen, multimedialen Kunstprojekten

Die Tiefe des Beckens – Textdiskussion

Raphael Vogt, einer der Teilnehmer des von uns 2006/2007 ausgeschriebenen Literaturpreises „Der Duft des Doppelpunktes“ zum Thema Literatur der Arbeitswelt, legt mit „Die Tiefe des Beckens – Fragmente einer Novelle“ die „Bruchstücke“ einer umfangreicheren literarischen Arbeit vor. „Die Tiefe des Beckens“ wird vierzehntägig, in zehn Teilen, jeweils am Mittwoch im Blog „Duftender Doppelpunkt“ erscheinen. Im Blog besteht die Möglichkeit, Raphael Vogts Text zu diskutieren.

DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 1
DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 2
DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 3
DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 4
DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 5
DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 6
DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 7
DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 8
DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 9
DIE TIEFE DES BECKENS – Epilog

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